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Versbuch

Prinz Louis Ferdinand

Theodor Fontane · 18191898

88 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 1905

Sechs Fuß hoch aufgeschossen,Ein Kriegsgott anzuschaun,Der Liebling der Genossen,Der Abgott schöner Fraun,Blauäugig, blond verwegenUnd in der jungen HandDen alten Preußen-Degen -Prinz Louis Ferdinand.

Die GeneralitätenKopfschütteln früh und spät,Sie räuspern sich und tretenVor Seine Majestät,Sie sprechen: „nicht zu duldenIst dieser Lebenslauf,Die Mädchen und die SchuldenZehren den Prinzen auf.“

Der König drauf mit Lachen:„Dank schön, ich wußt’ es schon;Es gilt ihn kirr zu machen,Drum: Festungs-Garnison;Er muß in die ProvinzenUnd nicht länger hier verziehn,Nach Magdeburg mit dem PrinzenUnd nie Urlaub nach Berlin.“

Der Prinz vernimmt die Märe,Saß eben bei seinem Schatz:„Nach Magdeburg, auf EhreDas ist ein schlimmer Platz!“Er meldet sich am OrteUnd es spricht der General:„„Täglich elf Uhr zum RapporteEin für allemal!““

O Prinz, das will nicht munden,Doch denkt er: „sei gescheit,Volle vierundzwanzig StundenSind eine hübsche Zeit,Relais, viermal verschnaufen,Auf dem Sattel Nachtquartier,Und kann’s ein Pferd nicht laufenSo laufen’s ihrer vier.“

Hinfliegt er wie die Schwalben,Fünf Meilen ist Station,Vom Braunen auf den Falben,Das ist die Havel schon,Vom Rappen auf den Schimmel,Nun faßt die Sehnsucht ihn,Drei Meilen noch - hilf Himmel,Prinz Louis in Berlin.

Gegeben und genommenWird einer Stunde Glück,Dann, flugs wie er gekommen,Im Fluge geht's zurück,Elf Uhr am andern TageHält er am alten Ort,Und mit dem GlockenschlageDa steht er zum Rapport. -

Das war nur bloßes Reiten,Doch wer so reiten kann,Der ist in rechten ZeitenAuch wohl der rechte Mann;Schon über Thal und HügelStürmt ostwärts der Koloß, -Prinz Louis sitzt am FlügelIm Rudolstädter Schloß.

Es blitzt der Saal von Kerzen,Zwölf Lichter um ihn stehn,Nacht ist’s in seinem Herzen,Und Nacht nur kann er sehn,Die Töne schwellen, rauschen,Es klingt wie Lieb und Haß,Die Damen stehn und lauschenUnd was er spielt ist das:

„Zu spät zu Kampf und Beten,Der Feinde Rosses-HufWird über Nacht zertreten,Was ein Jahrhundert schuf,Ich seh es fallen, enden,Und wie alles zusammenbricht,Ich kann den Tag nicht wenden,Aber leben will ich ihn nicht.“

Und als das Wort verklungen,Rollt Donner schon der Schlacht,Er hat sich aufgeschwungen,Und sein Herze noch einmal lacht,Voraus den andern allenEr stolz zusammenbrach,Prinz Louis war gefallenUnd Preußen fiel - ihm nach.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
Digitalisat
de.wikisource.org — „Prinz Louis Ferdinand“, Fassung 1.531.955 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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