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Versbuch

Ohne Datum

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

33 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1882

(An meine Schwester.)

Du scherzest, daß ein Datum ich vergaß,Und meinst, ich dürfte bei dem StundenmaßMit einem Federstriche mich verweilen.Du schreibst: „Datire künftig deine Zeilen!“Doch war das Zählen meine Sache nie,Nach dem Wievielten such’ ich stets vergebens,Auch diese Zeilen, wie datir’ ich sie?„Aus allen Augenblicken meines Lebens!“

Kurz ist und eilig eines Menschen Tag,Er drängt, er pulst, er flutet, Schlag um Schlag,Wie eines Herzens ungestümes Klopfen …Wer teilt die Jagd des Bluts und seiner Tropfen?Es ist ein Sturm, der nie zur Rüste geht,Die Wechselglut des Nehmens und des Gebens,Und meine Haare flattern windverwehtIn allen Augenblicken meines Lebens.

Zu ruhn ist mir versagt, es treibt mich fort,Die Stunde rennt – doch hab’ ich einen Hort,Den keine mir entführt, in deiner Treue;Sie ist die alte wie die ewig neue,Sie ist die Rast in dieser Flucht und Flut,Ein fromm Geleite leisen Flügelschwebens,Sie ist der Segen, der beständig ruhtAuf allen Augenblicken meines Lebens.

Ich hemme die beschwingten Rosse nicht,Ich freue mich, mit jedem neuen LichtDas Feld gestreckten Laufes zu durchmessen –Ein fernes, dunkles Gestern zu vergessen –Ich fliege – hinter mir versinkt die Zeit –Im Morgensonnenstrahl verjüngten Strebens! …Vorbei! … Nur du allein weißt noch BescheidVon allen Augenblicken meines Lebens.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 154-155, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Ohne Datum (Meyer)“, Fassung 2.086.274 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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