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Versbuch

Alte Fritz-Grenadiere

Theodor Fontane · 18191898

95 Zeilen in 15 Strophen · zuerst gedruckt 1905

1.Auf dem Marsch.

„„Alter, was schleppst Du Dich noch mit?Humpelst und bist aus Schritt und Tritt;Warum bliebst Du nicht zu Haus?Mit über sechzig is es aus.““

„Nich aus. Ich kann noch im Feuer stehn –Und wenn dann die Jungen nach mir sehnUnd sehen, der Alte blinzelt nichtUnd rührt kein Haar sich in seinem GesichtUnd zielt in Ruh und giebt seinen Schuß,Da machen sie’s auch, wie man’s machen muß,Und halten aus in Donner und Blitz, –Im Feuer nicht blinzeln, das kann ich noch, Fritz.“

2.Bei Torgau.

Auch die Grenadiere wollen nicht mehr.Wie ein Rasender jagt der König daherUnd hebt den Stock und ruft unter Beben:„Racker, wollt Ihr denn ewig leben?Bedrüger …“„„Fritze, nichts von Bedrug;Für fünfzehn Pfennig ist’s heute genug.““

3.Rekruten-Korporal.

In Würzburg, bei den Bischöflichen,Sind ihm schon sieben Jahre verstrichen,Seiner Potsdamer Tage, manch liebes Mal,Denkt der alte Korporal.

Auf dem Platze, hart an der Würzburger Brück’,Exercirt er Rekruten vor und zurück,Zählt und wettert: „rechten, linken,Verfluchter Kerl, Speck und Schinken …“

Ein blutjunger Leutnant, neunzehn schon,Aergert sich über den preußischen TonUnd fährt dazwischen: „Euer RekrutMacht alles richtig, macht alles gut.Ihr versteht nicht den Dienst …“Der Alte grient:„Ich habe dem König von Preußen gedient.“

4.Erstes Bataillon Garde.(1780.)

Erstes Bataillon Garde. Parad’ oder SchlachtIhm wenig „Differenzen“ macht,Ob in Potsdam sie trommelnd auf Wache zieh’n,Ob sie stehen und fallen bei Kollin,Ob Patronenverknattern, ob Kugelpfiff,Immer derselbe feste Griff,Dieselbe Ruh’. Jede Miene drückt aus:„Ich gehör’ zur Familie, bin mit vom Haus.“

Ihrer Viere sitzen im Knapphans-ZeltEine Kottbusser hat sich jeder bestellt,Einen Kornus dazu; das Bier ist frisch,Ein Berliner setzt sich mit an den Tisch,Ein Berliner Budiker, – da währt’s nicht lange,Plappermühl’ ist im besten Gange.„Wahrhaftig, Ihr habt die schönste Montur,Litzen, Paspel, Silberschnur,Blechmützen wie Gold, gut TraktementUnd der König Jeden von Euch kennt.Erstes Bataillon Garde, Prachtkerle vor all’n,Solch’ Götterleben sollt’ mir gefall’n.“

Drei schwiegen. Endlich der Vierte spricht:„Ne, Freund Berliner! so is es nicht.Eine proppre Montur, was soll uns die geben?Unser Götter- is bloß ein Jammerleben.Potsdam, o Du verfluchtes Loch,Führst Du doch heut in die Hölle noch,Und nähmst Ihn mit mitsammt seinen Hunden,Da wär’ auch Der gleich mit abgefunden,Ich mein’ den da oben, – uns läg’ nichts d’ran,Is doch bloß ein Quälgeist und Tyrann,Schont nicht Fremde, nicht Landeskinder,Immer derselbe Menschenschinder,Immer dieselbe verfluchte Ravage, –Potsdam, o Du große Blamage!“

Das war dem Beliner nach seinem Sinn,Er lächelte pfiffig vor sich hin:„Ich sag’ das schon lange. Was hat er denn groß?Große Fenstern hat er, sonst is nich viel los.Und reden kann er. Na das kann Jeder,Hier aber, er zieht nicht gerne von Leder.“

Da lachten all’ Vier und der Eine spricht:„Ne, Freund Budiker, so geht es nicht.Zuhören kannst Du, wenn wir ’mal fluchen,Aber Du darfst es nicht selber versuchen,Wir dürfen frech sein und schimpfen und schwören,Weil wir selber mit zugehören,Wir dürfen reden von Menschenschinder,Dafür sind wir seine Kinder;Potsdam, o Du verfluchtes Loch,Aber Er, er ist unser König doch,Unser großer König. Gott soll mich verderben,Wollt’ ich nicht gleich für Fritzen sterben.“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, Seite 272–275, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
Digitalisat
de.wikisource.org — „Alte Fritz-Grenadiere (Fontane)“, Fassung 1.770.811 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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