Der Quitzow’en Fall und Untergang
Theodor Fontane · 1819–1898
100 Zeilen in 27 Strophen · zuerst gedruckt 1905
1414.(Nach dem Alt-Märkischen.)
Und Christ im Himmel erbarmte sich:Da gab er zum Trost uns männiglichUnseren Markgraf Friederich,Einen Fürsten lobesamen.
Das ist ein Fürst von eigner Art,In ihm sind Kraft und Muth gepaart;Ob Laien oder wohlgelahrt,Alle preisen seinen Namen.
Zu loben ihn uns wohl ansteht,Ihn, den so lange die Mark erfleht:Gott selber in seiner MajestätHat ihn uns erwecket.
Seit Kaiser Karl zu Prag uns starb,Das Land verkam, das Land verdarb,Bis Friedrich uns’re Mark erwarb,Das hat die Räuber erschrecket.
Und die ihm wollten widerstehn,Wie der Kuckuk waren sie anzusehn,Er war der Adler, sie waren die Krähn,Er zerstäubte sie geschwinde.
* * *
Die Quitzowschen schwuren einen Eid:„Wir machen ihm das Land zu Leid“Und dazu waren sie wohl bereitMit ihrem Ingesinde.
„Was soll uns der Nürrenberger Tand?Ist Spielzeug nur in uns’rer Hand,Wir sind die Herren in diesem LandUnd wollen es beweisen.
Und regnet’s Fürsten noch ein Jahr,Das macht nicht Furcht uns und Gefahr,Er soll uns krümmen nicht ein Haar,Nach Hause soll er reisen.
Und kommt zu Fuß er oder Pferd,Mit Büchse, Tartschen oder Schwert,Uns dünkt es keinen Heller werth,Er muß dem Land entsagen.
Und will er nicht, es thut nicht gut,Wir stehen muthig seinem Muth,Zehn Schlösser sind in uns’rer Hut,Er soll uns nicht verjagen.“
Als das die Fürstenschaft vernahm,In Hasten alles zusammenkam;Einem jeden wär’ es Schimpf und Scham,Wär’ er da nicht gekommen.
Der Bischof von Magdeburg war zur Hand,Günther von Schwarzburg war er genannt,Nach Plaue hat er sich gewandtUnd die „Grethe“ mitgenommen.
Dann zog heran ein Sachsen-Hauf,Herzog Rudolf allen vorauf.Nach Golzow nahm er Ziel und LaufUnd stellte sich vor die Veste.
Da ließ er schwenken seine Fahn’:„Ich denke, rasch ist gut gethan,Laßt uns an ein Stürmen gahnUnd jeder thue das Beste.“
Burggraf Freidrich aber vor Friesack zog,Der Graben war tief, die Mauer war hoch,Aber die Franken stürmten sie doch,Alle wollten sie Ritter werden.
Ein Hagel von Pfeilen sie flugs empfing,Da schützte nicht Schiene, nicht Panzerring,Mancher Pfeil bis in das Herze gingUnd viele sanken zu Erden.
Ja, Pfeile flogen und Kugel und Stein,Da riefen die Franken: „Tritt für uns ein,Maria, woll’ uns gnädig sein,Auf daß der Hochmuth erliege.“
Die heilige Jungfrau, sie war es gewillt,Sie lieh den Stürmenden ihren Schild,Ein jeder sah ihr Himmelsbild,Und so schritten sie zum Siege.
Das Wetter war kraus und ungestalt,Es regnete, schneite und war kalt,Die Schlösser kamen in unsre Gewalt,Weil Gott im Himmel es wollte.
Friesack, Plaue, Rathenow,Und Golzow und Beuthen ebenso,Sie huldigen Friedrich, und alle sind froh,Daß Recht Recht bleiben sollte.
Die Fürsten lenkten heimwärts ein,Desgleichen die Städte, groß und klein;Viele waren geschossen durch Hüft und BeinUnd hinkten nach Haus an Krücken.
* * *
Ach, reicher Gott, den Fürsten gut,Nimm ihn gnädig in Deine HutUnd woll’ ihn durch Dein heilig BlutErquicken und beglücken.
Auch seiner edlen Fraue zart,Sei’n Deine Gaben aufgespart,Dann sind allbeide wohlbewahrtIn Deinem Himmel droben.
In Deinem Himmel, nach dem wir schau’nAuf den wir all in Hoffnung bau’n,Um willen Uns’rer lieben Frau’n,Die wir rühmen und preisen und loben.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Seite 244–247, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Quitzow’en Fall und Untergang“, Fassung 1.771.487 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.