Bienen-Winkelried
Theodor Fontane · 1819–1898
101 Zeilen in 14 Strophen · zuerst gedruckt 1905
Nur kein GegrübelWas es sei;Wohl oder übelDer Scherz ist frei.
Die Wespen und die BienenSie haben sich entzweit:Guelphen und GhibellinenSo stehen sie im Streit.Schon um die heimische Linde,Wie um ihr letztes Haus,Sammelt das Bienen-GesindeSich zum entscheidenden Strauß.
Eine (sie stund auf Wache,Und das Weinen war ihr nah)Schwur: „eine herrliche SacheSei dies mori pro patria!Daß ihr Stand so ein harterFreue sie fast zu sehn,Wie die dreihundert SparterWürden sie untergehn.“
Sprach da eine Zweite:„Wohl, sie stimme dem bei,Daß zu fallen im StreiteSüß und löblich sei;Nur sie wäre verwundert,Daß man auf Sparta säh’,Pforzheim und seine VierhundertHätte man ja in der Näh’“.
Sprach es. Da schwarz am Himmel,Wie Heuschreckenzug,Nahte das WespengewimmelSich im Siegesflug.Solche Schwärme und FlügeNimmer der Garten sah,Wahre HunnenzügeWaren’s des Attila.
Bald in gebogenem Horne,Bald in gespitztem KeilStürmten sie, – aber nach vorneImmer den Stacheltheil;Ach die Bienen, in DemuthWurden sich des bewußt,Und unendliche WehmuthSchlich in ihre Brust.
Siehe, da schnell ein SasseTritt hervor aus den Reih’n:„Mach’ Euch eine GasseLiebe Genossen mein!“Und als ob es ihm wäreHeldischer ZeitvertreibDrückt er dreizehn SpeereSich in Brust und Leib.
Da, die Bienen klammernGrimm an den Feind sich an,Alle Wespen jammern:„Rette sich wer kann!“Aber mit Waffen, schartig,Hummeln und andere mehr,Fallen jetzt landsturmartigUeber die Flüchtigen her.
* * *
Abend kommt; es schattet;Letzte Röthe schied;Siehe, da wird bestattetBienen-Winkelried.Solch ein Gäste-Gedränge,Alle mußten’s gestehn,Und solch LeichengeprängeHatten sie nie gesehn.
Rings auf Spitzen und ThürmchenAn dem Hecken-Zaun,Glühten JohanniswürmchenHell wie Fackeln traun;Taghell so beleuchtet,Kam der Zug daher,Jedes Auge gefeuchtet,Jedes Herze schwer.
Vorne, drei HummelbrummerSchritten ernst und barsch,Trommelten in KummerIhren Trauermarsch;Dann mit Ruhm zu meldenKam der wächserne Sarg,Der des Helden der HeldenIrdische Hülle barg.
Vier kohlschwarze Käfer,– Allen wohlbekannt –Waren, als Rappen, dem SchläferDrinnen vorgespannt;Auf dem Deckel obenLagen, Schaft an Schaft,Alle die dreizehn ProbenSeiner Ritterkraft.
Still des Zuges SpitzeHat jetzt eingelenkt:In eine MauerritzeWird der Sarg gesenkt.Dann, wie KriegsgesindeRasch den Gram vertauscht,Haben im Duft der LindeAlle sich berauscht.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Seite 237–240, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Bienen-Winkelried (Fontane)“, Fassung 3.468.757 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
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