Maientraum
Heinrich Kämpchen · 1847–1912
32 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1909
Hier wohnt die Fei, es kann nicht anders sein,Waldeinsamkeit, von der ich oft geträumet –Am Bergeshang das mosige Gestein,Es ist der Grenzwall, der ihr Reich umsäumet.
Hier lebt sie, fern der lauten Außenwelt,Ein wunderbar geheimnisvolles LebenVoll Glanz und Duft – das Dämmerdunkel helltDie Sonne nur, Goldfunken einzuweben.
Wie scheu das Brönnlein aus dem Felsen quillt,Wie ernst die dunklen Tannenbäume ragen,Von Flechtenbart und Ranken eingehüllt,Wie alle Stämme Runenzeichen tragen. –
Hier ist der Ort, der stille Waldesdom,Den sie zum Aufenthalte sich erkoren,Hier lauscht der Elf ihr und der graue GnomIm Wurzelwerke und Geklüft verloren.
Die Sage, die von Merlin uns erzähltUnd von dem Zauber, der ihn hält gebunden,Sie hat sich auch wohl solchen Ort erwählt,Wie ich ihn hier im Tannenwald gefunden.
Kein Laut ringsum – es ist der Platz gefeit,Ob dem die Bäume ihre Kronen breiten,Und wenn im Dickicht fern ein Habicht schreit,So scheint’s an dieser Stelle abzugleiten.
Hier will ich ruh’n – vielleicht daß sie mir nah,Daß ihre Luftgewänder mich berühren,Und daß, wie es zu Zeiten wohl geschah,Sie will den Dichter in das Traumland führen.
O sei es drum – ich träume ja so gernVon Ländern, wo die Wunderpalmen stehen,Der Lotos blüht – mir aber ewig fern –Waldeinsamkeit, laß sie im Traum mich sehen. –
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Was die Ruhr mir sang, S. 27, Hansmann & Co., Bochum, 1909
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Maientraum (Kämpchen)“, Fassung 1.097.791 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Kämpchen starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 12060812X der Deutschen Nationalbibliothek.
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