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Versbuch

Loke der Lästerer

Richard Dehmel · 18631920

137 Zeilen in 33 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Nach August Strindberg.

Götter der Zeit, ich schmähte gestern,und schmähen will ich euch auch heut,Götter der Zeit, euch ewig lästern,hört mein lachendes Lästergeläut!

Ihr führt die Macht, ich führe Klage,ich führe das Wort in meiner Macht!Dreizehn liegt ihr beim Gelage;das bedeutet Totenwacht,Unfall, Hinfall – singt die Sage.Götter, nehmt euch bald in Acht!sehr schnell eilen die lustigen Tage,Götter, Götter, und Loke lacht!

Ja, ich saß in jüngeren Stundenzu Gast in eurem Göttersaal:an dem Strick, den ihr gebunden,hingeschleift zu euerm Mahl.Darum: eure eiternden Wunden,Loke kennt, kennt ihre Zahl!

Ekel fühlt’ich vor den vollen Gefäßen,und euer Wein war ekler noch;euer Singsang verdarb mir das Essen,der fad wie dünne Brühe roch.Drum: das könnt ihr Loke nicht vergessen,daß er nicht lobkrähend vor euch kroch.

Nein, ich will kein Loblied krähen,will nicht singen für euern Fraß;nein, ich will euch lieber schmähenmit meinem großen, schönen Haß!

Meine Sehnen habt ihr mir zerstochen,mich geschmiedet auf dies Gletscherjoch,mir die Zähne ausgebrochen,aber meine Zunge lästert doch!

Ja: ich habe eure Schmach verraten,Götter – das war all mein Fehl!eure heiligen Gräuelthaten,eurer festen Schlösser Sündenhehl.

Drum heißt Loke der Erste der Hasser,der Lästerer Erster in euerm Lied;ja, es ehrt, es ehrt ihn, daß erVerräter verriet!

Wenn den Gewaltigen straft der Schwache,dann heißt die Strafe Rachewut.Sei’s! Ja, Götter: ich übte Rache,hört es, Rache – und rächte gut!

Habe erbrochen die Bundeslade,habe den Moder ans Licht gekarrt,euch abgerissen die Maskeradeund eure Nacktheit offenbart.

Habe euern Götzendienst verachtet,von euren Bildern den Flitter geklopft,habe das goldne Kalb geschlachtet,sah das Stroh, womit es ausgestopft.

Habe gerächt, du alte Götterhure,gerächt all meiner Jugend Weh,als ich knien gemußt zum eklen Schwureund dir Weihrauch streun, du Afterfee!

Ja: mein Wahrheitswort, das lachteins Gesicht dem Götterpack,daß ihr Schloß und Tempel krachte –hah, wie rannte das Köterpack,

die Göttervetteln, die Götterpinsel:Der knöpfte die Hosen zu, Die nahmdie Unterröcke mit Gewinselvor die welke, verschrumpfte Scham.

Aber die Lüge ging zum Pfuhleund fischte Nattern im dumpfen Hain;die ließ die tückische GötterbuhleGifte in Loke’s Antlitz spein.

Und dann schlugen sie Loke in Ketten,Hundert gegen Einen war die That;doch – in ihren Götterlotterbettenschrein sie doch von Hochverrat.

Ja, in Ketten liegt er auf der Klippe,aber seine Zunge ist noch frei,und die alten Göttergerippezittern noch von seinem Geschrei.

In den langen Nächten seiner Qualensitzt an seinem harten Bett sein Weib,schützt ihm liebreich mit krystallnen Schalenvor dem Natterneiter seinen Leib.

Wenn dann die tückischen Vipernrottenbeißen wollen die treue Hand,dann hört Loke auf zu spotten:wie der Sturm dann bricht sein Zorn ins Land.

Wenn er seine Ketten schüttelt,dröhnen die Berge und das Feld;in Hütten und Burgen, wachgerüttelt,ahnt man bebend das Ende der Welt.

Da hört Loke auf zu lästern,sondern aus den düstern Augen drohnsengende Blitze den Götternestern,und er ruft nach seinem Sohn.

Der Midgardsdrache, der Weltzerstörer,dann läßt er rasseln sein Schuppenfellund reckt den Schwanz, der Weltempörer,hinten am wilden Wolgaquell.

Und es prasseln und knacken und splitterndie Forsten im Wolkonskywald,und die Pyrenäen zittern,wo sein Bauch sich zuckend ballt.

Aber die Brust zerpeitscht zu Schäumender Seine alte, heilige Flut,deren Ufer noch glühn und träumenvon Erlösung und von Blut.

Aber: wo der Drache das Haupt geborgen,fragen die feigen Götter und schrein.Ewig folgt auf heute morgen;mein Bescheid wird euer Gestern sein!

Denn wenn Er sein Haupt erhebt zur Rache,Götter, aus ist dann die Zeit!Wißt ihr, wenn erst zischt der Drache,wird euch nie mehr Unheil prophezeit!

Dann erliegt die Welt dem Brande,der verbrennt, was brennen soll,der das Gold befreit vom Schlackensande,der verschont, was lebensvoll.

Und der alte, dürre Norden,dann vom Feuer reingeglüht,fruchtbar Ascheland geworden,saamt sich neu, gebärt und blüht.

Dann, in ewig grünen Hainen,neu geboren, lebt ein frei Geschlecht,nicht verkrümmt von heiligen Gängelleinen,Keiner mehr ein Götterknecht.

Götter, wenn sich dann die Rabenum eure Gräber tummeln auf der Flur,keine Thräne wird dann Loke haben,seine ewig junge Hoffnung nur!

Ja: sein Gelächter fiel gleich Steinenschwer in eure Götterruh,denn er glaubt an jenen seinen Einen,nicht an Euer Blindekuh.

Doch euren Gräbern lacht sein Geläutewie Freundesworte: Götter der Zeit,ruhet in Frieden ... aber heuteleben die Götter der Ewigkeit!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Aber die Liebe, 1. Auflage, Dr. E. Albert & Co. Separat-Conto, München, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Loke der Lästerer“, Fassung 4.468.420 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Richard Dehmel starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118679236 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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