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Versbuch

Wilhelmine

Frank Wedekind · 18641918

26 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1905

I

Warum drängst du dich in meine Träume?Warum hemmst du meiner Schritte Lauf?Warum füllst du alle Himmelsräume,Blick’ ich nächtens zu den Sternen auf?

Stör’ ich deiner Seele heil’gen Frieden,Warum machst du, Mädchen, dich so breit?Und „Nicht doch!“ entgegnest du entschiedenWie der Genius der Enthaltsamkeit.

Ach, so kann es nicht mehr lange dauern;Ach, es wälzt sich drohend Ach auf Ach;Laß dir deine Zimmertür vermauern,Oder fürchte den Zusammenkrach.

II

Und nun ist es doch gekommen,Trotz des stolzen Sinns im Köpfchen;Und wir haben von dem TöpfchenKühn den Deckel abgenommen.

Schwüler Paradieses-BrodemStieg mir schmeichelnd in die Nase,Dennoch bangt’ ich wie ein HaseVor dem Pechgeruch von Sodom.

Zwei von heißer Glut erfüllte,Mitternächtlich helle SterneBlinken träumend in die Ferne,Die sich scheu in Nebel hüllte.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Die vier Jahreszeiten, 1. Auflage, Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München, 1905
Digitalisat
de.wikisource.org — „Wilhelmine“, Fassung 3.780.023 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Frank Wedekind starb 1918; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1988 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118629867 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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