Es war einmal
Richard Dehmel · 1863–1920
30 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Der Himmel dunkelte noch immer,ich fühlte tief bis in mein Zimmerder tiefen Wolken vollen Schooß;die Esche drüben drehte schwerdie hohe Krone um sich her,zwei Blätter trieben wirbelnd los.
Laut tickte durch die schwüle Stube,wie durch die stille Totengrubeder Holzwurm ticken mag, die Uhr.Und durch die Thüre hinter mirklang dünn und schüchtern ein Clavierüber den Flur.
Der Himmel lastete wie Schiefer,ihr Spiel klang immer trauertiefer,ich sah sie wohl.Dumpf rang der Wind im Eschenlaub,die Luft war grau von Glut und Staubund seufzte hohl.
Und blasser tönten durch die Wändedie tastenden verweinten Hände,sie saß und sang;sang sich das Lied, in sich gebückt,mit dem sie mich als Braut entzückt;ich fühlte, wie ihr Atem rang.
Die Wolken wurden immer dumpfer,die wunden Töne immer stumpfer,wie Messer stumpf, wie Messer spitz;und aus dem alten Liebesliedklagten zwei Kinderstimmen mit –da fiel der erste Blitz.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Aber die Liebe, 1. Auflage, Dr. E. Albert & Co. Separat-Conto, München, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Es war einmal“, Fassung 1.479.457 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Richard Dehmel starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118679236 der Deutschen Nationalbibliothek.
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