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Versbuch

Wack’rer Mann

Marie Eugenie Delle Grazie · 18641931

57 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1892

5.

Wack’rer Mann! Schon früh am MorgenÖffnet er die Ladenthür,Räumt, als trüg’ er schwere Sorgen,Keuchend sein Geräth herfür:Erst den Dreifuß, dann die Zange,Ahle, Schusterkneip und Zirn,Oft auch steht und sinnt er lange,Oder reibt sich ernst die Stirn;Endlich sitzt er – doch die HändeRuhen müßig noch im Schooß,Denn am linken StraßenendeIst ein schlimmer Handel los:Frühbezechte EseltreiberPrügeln sich dort blau und wund,Und der Chorus ihrer WeiberÜbt behende Faust und Mund.Durch verächtliche GeberdenSagt der Meister, was er denkt,Bis ein Stiefel, noch im Werden,Seine Blicke abwärts lenkt.Heut’ noch wird er ihn vollenden –O gewiß, er schwört’s bei sich!Dreht ihn zwischen kund’gen HändenUnd holt aus zum ersten Stich.Da – ein Ruf, ein flüchtig Grüßen –Hastig schießt’s an ihm vorbei –„Euer Blatt!“ und ihm zu FüßenLiegt die Zeitung. – „Nun es sei!“

Vorerst will er sich berathen,Was dem Vaterlande noth,Welches Bündnis, welche Thaten –Traun, noch ist man Patriot!Spät erst, doch mit stolzen BlickenNimmt er seinen Stiefel auf,Zwischen ihm und Rom’s GeschickenHastet sein Gedankenlauf,Bunt sich kreuzend hin und wieder:„Afrika“ und „Crispi“ – „Zwirn“ –„Mehr Soldaten“ – auf und niederRast es so in seinem Hirn,Bis der Schweiß in hellen TropfenVon der biedern Stirn ihm fälltUnd die Hand mit ihrem KlopfenLeise bebend innehält.Da – ein helles FensterklirrenÜber ihm – sein Athem stockt –„Sie!“ und seine Blicke irrenSehnend aufwärts: SchwarzgelocktNickt ein Köpfchen ihm von obenFlücht’gen Dank auf seinen Gruß,Während er, das Haupt erhoben,Nachstarrt, bang und voll Verdruß....Nun tritt sie heraus, nun schreitetLächelnd sie dem Corso zu –Aus den braunen Händen gleitetIhm zum letzten Mal der Schuh....

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Italische Vignetten, S. 30-31, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892
Digitalisat
de.wikisource.org — „Wack’rer Mann“, Fassung 3.538.180 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Marie Eugenie Delle Grazie starb 1931; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2001 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118746278 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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