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Versbuch

Bastard

Richard Dehmel · 18631920

50 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Nun weißt du, Herz, was immer soin deinen Wünschen bangt und glüht,wie nach dem ersten Sonnenschimmerdie graue Nacht verlangt und glüht,und was in deinen Lüstennach Seele dürstet wie nach Blut,und was dich jagt von Herz zu Herzaus dumpfer Sucht zu lichter Glut.

In früher Morgenstundehielt heut mein Alb mich schwer umstrickt:aus meinem Herzen wuchs ein Baum,o wie er drückt! er schwankt und nickt;sein seltsam Laubwerk thut sich auf,und aus den düstern Zweigen rauschtmit großen heißen Augenein junges Vampyrweib – und lauscht.

Da kam genaht und ist schon daApoll im Sonnenwagen;es flammt sein Blick den Baum hinan,die Vampyrbraut genießt den Bannmit dürstendem Behagen.Es sehnt sein Arm sich wild empor,vier Augen leuchten trunken;das Nachtweib und der Sonnenfürst,sie liegen hingesunken.

Es preßt mein Herz die schwere Lastder üppigen Sekunden,es stampft auf mir der Rosse Hast –er hat sich ihr entwunden.Schon schwillt ihr Bauch von seiner Frucht,hohl fleht ihr Auge: bleibe!Er stößt sie sich vom Leibe,von Ekel zuckt des Fußes Wucht,hin ras’t des Wagens goldne Flucht.

Es windet sich im Krampfeund stöhnt das graue Mutterweib,mit ihren Vampyrfingern gräbtsie sich den Lichtsohn aus dem Leib,er ächzt – ein Schrei – Erbarmen: ich,mich hält der dunkle Arm umkrallt,da bin ich wach – – doch hör’ich,wie noch ihr Fluch und Segen hallt:

Drum sollst du dulden dies dein Herz,das so von Wünschen bangt und glüht,wie nach dem ersten Sonnenschimmerdie graue Nacht verlangt und glüht,und sollst in deinen Lüstennach Seele dürsten wie nach Blut,und sollst dich mühn von Herz zu Herzaus dumpfer Sucht zu lichter Glut!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Aber die Liebe, 1. Auflage, Dr. E. Albert & Co. Separat-Conto, München, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Bastard“, Fassung 1.479.439 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Richard Dehmel starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118679236 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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