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Versbuch

Chinesisches Trinklied

Richard Dehmel · 18631920

37 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Nach Li-tai-po.

Der Herr Wirt hier – Kinder, der Wirt hat Wein!aber laßt noch, stille noch, schenkt nicht ein:ich muß euch mein Lied vom Kummer erst singen!Wenn der Kummer kommt, wenn die Saiten klagen,wenn die graue Stunde beginnt zu schlagen,wo mein Mund sein Lied und sein Lachen vergißt,dann weiß Keiner, wie mir ums Herz dann ist,dann woll’n wir die Kannen schwingen –die Stunde der Verzweiflung naht.

Herr Wirt, dein Keller voll Wein ist dein,meine lange Laute, die ist mein,ich weiß zwei lustige Dinge:zwei Dinge, die sich gut vertragen:Wein trinken und die Laute schlagen!eine Kanne Wein zu ihrer Zeitist mehr wert als die Ewigkeitund tausend Silberlinge!Die Stunde der Verzweiflung naht.

Und wenn der Himmel auch ewig stehtund die Erde noch lange nicht untergeht:wie lange, du, wirst Du’s machen?du mitsamt deinem Silber-und-Goldklingklange?kaum hundert Jahre – das ist schon lange!Ja: leben und dann mal sterben, wißt,ist Alles, was uns sicher ist;Mensch, ist es nicht zum Lachen?!Die Stunde der Verzweiflung naht.

Seht ihr ihn? seht doch, da sitzt er und weint!Seht ihr den Affen? da hockt er und greint,im Tamarindenbaum – hört ihr ihn plärren?über den Gräbern, ganz alleine,den armen Affen im Mondenscheine? –Und jetzt, Herr Wirt, die Kanne zum Spund!jetzt ist es Zeit, sie bis zum Grundauf Einen Zug zu leeren – –die Stunde der Verzweiflung naht.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Aber die Liebe, 1. Auflage, Dr. E. Albert & Co. Separat-Conto, München, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Chinesisches Trinklied“, Fassung 1.463.950 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Richard Dehmel starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118679236 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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