Büßende Liebe
Richard Dehmel · 1863–1920
30 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Aus deinen grauen Augen droht,mir so vertraut,wie ein erstarrter Klagelautmit bleichen Zügen ein Verbot;ich weiß, auch du ... Du warst einst Braut.
Das hat in deinen Blick gebrachtdies fahle Licht,das durch die schwarzen Wimpern bricht;mir ist, als sahst du einst die Nachtvon Angesicht zu Angesicht.
O komm und gieb mir deine Hand;in dein schwarz Haarnimm diese rote Lilie dar,und um dein dunkelblau Gewanddies goldne Gürtelschlangenpaar.
So führe mich, indeß du weinst,den langen Pfad.So kommen wir der Nacht genahtund beten beide: Mutter! einst –wir übten Beide schon Verrat!
Dann legt, indeß wir niederknien,dann legt die Nachtauf deines Haares schwere Prachtdie Hand – und flüstert: Liebe ihn,der sich und Andre friedlos macht!
Dann hören deine Thränen auf,dann kommt ein Stern;der winkt so neu, so neu, so fern,dein graues Auge schaut hinauf,dein dunkles Auge ... Sinke, Stern!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Aber die Liebe, 1. Auflage, Dr. E. Albert & Co. Separat-Conto, München, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Büßende Liebe“, Fassung 2.186.350 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Richard Dehmel starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118679236 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.