Das Menschliche
Richard Dehmel · 1863–1920
30 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Und doch, und doch, du stolzes Kind,viel stolzer fühlt mein kleines Lied,das kindlich vor dir niederknietund fromm beginnt:Wärst du im Ehrenkleideder Hohen höchste Zier,ich fühlte doch trotz Seideund Hohheit und Geschmeideals deiner Ehren erste Zierdie Gleichheit zwischen dir und mir.
Und doch, und doch, noch stolzer schwebt,du stolzes Kind, mein kleines Lied,das nun auf dich herniedersiehtund fühlt und bebt:Wärst du in Schmach gefallen,du die Gemeinste hier,und Mein Herz rein vor Allen,ich dächte Dein vor Allen,weil meiner Reinheit reinste Zierdie Gleichheit zwischen dir und mir.
Und doch, und doch, du stolzes Kind,viel stolzer fühlte wol mein Lied,das stolz vor Deinem Stolze flieht,wenn still und blindwol nun ein Bangen käme,wol zwischen dir und mir,nun ein Verlangen käme,dich wild gefangen nähme,daß wir vergäßen – fühlst du? wir –die Gleichheit zwischen dir und mir.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Aber die Liebe, 1. Auflage, Dr. E. Albert & Co. Separat-Conto, München, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Das Menschliche“, Fassung 2.534.064 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Richard Dehmel starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118679236 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.