Orpheus. Eurydike. Hermes
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
95 Zeilen in 12 Strophen · zuerst gedruckt 1907
Das war der Seelen wunderliches Bergwerk.Wie stille Silbererze gingen sieals Adern durch sein Dunkel. Zwischen Wurzelnentsprang das Blut, das fortgeht zu den Menschen,und schwer wie Porphyr sah es aus im Dunkel.Sonst war nichts Rotes.
Felsen war daund wesenlose Wälder. Brücken über Leeresund jener große graue, blinde Teich,der über seinem fernen Grunde hingwie Regenhimmel über einer Landschaft.Und zwischen Wiesen, sanft und voller Langmuterschien des einen Weges blasser Streifenwie eine lange Bleiche hingelegt.
Und dieses einen Weges kamen sie.
Voran der schlanke Mann im blauen Mantel,der stumm und ungeduldig vor sich aussah.Ohne zu kauen fraß sein Schritt den Wegin großen Bissen; seine Hände hingenschwer und verschlossen aus dem Fall der Faltenund wußten nicht mehr von der leichten Leier,die in die Linke eingewachsen warwie Rosenranken in den Ast des Ölbaums.Und seine Sinne waren wie entzweit:indes der Blick ihm wie ein Hund vorauslief,umkehrte, kam und immer wieder weitund wartend an der nächsten Wendung stand, —blieb sein Gehör wie ein Geruch zurück.Manchmal erschien es ihm, als reichte esbis an das Gehen jener beiden andern,die folgen sollten diesen ganzen Aufstieg.Dann wieder war’s nur seines Steigens Nachklangund seines Mantels Wind was hinter ihm war.Er aber sagte sich, sie kämen doch;sagte es laut und hörte sich verhallen.Sie kämen doch, nur wären’s zweidie furchtbar leise gingen. Dürfte ersich einmal wenden (wäre das Zurückschaunnicht die Zersetzung dieses ganzen Werkes,das erst vollbracht wird), müßte er sie sehen,die beiden Leisen, die ihm schweigend nachgehn:
Den Gott des Ganges und der weiten Botschaft,die Reisehaube über hellen Augen,den schlanken Stab hertragend vor dem Leibeund flügelschlagend an den Fußgelenken;und seiner linken Hand gegeben: sie.
Die So-geliebte, daß aus einer Leiermehr Klage kam als je aus Klagefrauen;daß eine Welt aus Klage ward, in deralles noch einmal da war: Wald und Talund Weg und Ortschaft, Feld und Fluß und Tier;und daß um diese Klage-Welt ganz sowie um die andre Erde eine Sonneund ein gestirnter stiller Himmel ging,ein Klagehimmel mit entstellten Sternen —:Diese So-geliebte.
Sie aber ging an jenes Gottes Hand,den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,unsicher, sanft und ohne Ungeduld.Sie war in sich wie Eine hoher Hoffnungund dachte nicht des Mannes der vorangingund nicht des Weges, der ins Leben aufstieg.Sie war in sich. Und ihr Gestorbenseinerfüllte sie wie Fülle.Wie eine Frucht von Süßigkeit und Dunkel,so war sie voll von ihrem großen Tode,der also neu war, daß sie nichts begriff.
Sie war in einem neuen Mädchentumund unberührbar; ihr Geschlecht war zuwie eine junge Blume gegen Abend,und ihre Hände waren der Vermählungso sehr entwöhnt, daß selbst des leichten Gottesunendlich leise leitende Berührungsie kränkte wie zu sehr Vertraulichkeit.
Sie war schon nicht mehr diese blonde Frau,die in des Dichters Liedern manchmal anklang,nicht mehr des breiten Bettes Duft und Eilandund jenes Mannes Eigentum nicht mehr.
Sie war schon aufgelöst wie langes Haarund hingegeben wie gefallner Regenund ausgeteilt wie hundertfacher Vorrat.
Sie war schon Wurzel.Und als plötzlich jähder Gott sie anhielt und mit Schmerz im Ausrufdie Worte sprach: Er hat sich umgewendet —,begriff sie nichts und sagte leise: Wer?
Fern aber, dunkel vor dem klaren Ausgang,stand irgend jemand, dessen Angesichtnicht zu erkennen war. Er stand und sah,wie auf dem Streifen eines Wiesenpfadesmit trauervollem Blick der Gott der Botschaftsich schweigend wandte, der Gestalt zu folgen,die schon zurückging dieses selben Weges,den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,unsicher, sanft und ohne Ungeduld.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neue Gedichte, S. 88, 1. Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Orpheus. Eurydike. Hermes“, Fassung 2.841.305 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
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