Alkestis
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
96 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1907
Da plötzlich war der Bote unter ihnen,hineingeworfen in das Überkochendes Hochzeitsmahles wie ein neuer Zusatz.Sie fühlten nicht, die Trinkenden, des Gottesheimlichen Eintritt, welcher seine Gottheitso an sich hielt wie einen nassen Mantelund ihrer einer schien, der oder jener,wie er so durchging. Aber plötzlich sahmitten im Sprechen einer von den Gästenden jungen Hausherrn oben an dem Tische,wie in die Höh gerissen, nicht mehr liegendund überall und mit dem ganzen Wesenein Fremdes spiegelnd, das ihn furchtbar ansprach.Und gleich darauf, als klärte sich die Mischung,war Stille; nur mit einem Satz am Bodenvon trübem Lärm und einem Niederschlagfallenden Lallens, schon verdorben riechendnach dumpfem umgestandenen Gelächter.Und da erkannten sie den schlanken Gott,und wie er dastand, innerlich voll Sendungund unerbittlich, — wußten sie es beinah.Und doch, als es gesagt war, war es mehrals alles Wissen, gar nicht zu begreifen.Admet muß sterben. Wann? In dieser Stunde.
Der aber brach die Schale seines Schreckensin Stücken ab und streckte seine Händeheraus aus ihr, um mit dem Gott zu handeln.Um Jahre, um ein einzig Jahr noch Jugend,um Monate, um Wochen, um paar Tage,ach, Tage nicht, um Nächte, nur um eine,um eine Nacht, um diese nur: um die.Der Gott verneinte und da schrie er aufund schrie’s hinaus und hielt es nicht und schriewie seine Mutter aufschrie beim Gebären.
Und die trat zu ihm, eine alte Frauund auch der Vater kam, der alte Vater,und beide standen, alt, veraltet, ratlos,beim Schreienden, der plötzlich, wie noch nieso nah, sie ansah, abbrach, schluckte, sagte:Vater,liegt dir denn viel daran an diesem Rest,an diesem Satz, der dich beim Schlingen hindert?Geh, gieß ihn weg. Und du, du alte Frau,Matrone,was tust du denn noch hier: du hast geboren.Und beide hielt er sie wie Opfertierein einem Griff. Auf einmal ließ er losund stieß die Alten fort, voll Einfall, strahlendund atemholend, rufend: Kreon, Kreon!Und nichts als das; und nichts als diesen Namen.Aber in seinem Antlitz stand das Andere,das er nicht sagte, namenlos erwartend,wie er’s dem jungen Freunde, dem Geliebten,erglühend hinhielt übern wirren Tisch.Die Alten, (stand da) siehst du, sind kein Loskauf,sie sind verbraucht und schlecht und beinah wertlos,du aber, du, in deiner ganzen Schönheit —
Da aber sah er seinen Freund nicht mehr.Er blieb zurück und das was kam war sie,ein wenig kleiner fast als er sie kannteund leicht und traurig in dem bleichen Brautkleid.Die andern alle sind nur ihre Gasse,durch die sie kommt und kommt —: (gleich wird sie da seinin seinen Armen, die sich schmerzhaft auftun).Doch wie er wartet, spricht sie; nicht zu ihm.Sie spricht zum Gotte und der Gott vernimmt sieund alle hören’s gleichsam erst im Gotte:
Ersatz kann keiner für ihn sein. Ich bin’s.Ich bin Ersatz. Denn keiner ist zu Endewie ich es bin. Was bleibt mir denn von demwas ich hier war? Das ist’s ja, daß ich sterbe.Hat sie dir’s nicht gesagt, da sie dir’s auftrug,daß jenes Lager, das da drinnen wartet,zur Unterwelt gehört? Ich nahm ja Abschied.Abschied über Abschied.Kein Sterbender nimmt mehr davon. Ich ging ja,damit das Alles, unter dem begrabender jetzt mein Gatte ist, zergeht, sich auflöst —.So führ mich hin: ich sterbe ja für ihn.
Und wie der Wind auf hoher See, der umspringt,so trat der Gott fast wie zu einer Totenund war auf einmal weit von ihrem Gattendem er, versteckt in einem kleinen Zeichen,die hundert Leben dieser Erde zuwarf.Der stürzte taumelnd zu den beiden hinund griff nach ihnen wie im Traum. Sie gingenschon auf den Eingang zu, in dem die Frauenverweint sich drängten. Aber einmal saher noch des Mädchens Antlitz, das sich wandtemit einem Lächeln, hell wie eine Hoffnung,die beinah ein Versprechen war: erwachsenzurückzukommen aus dem tiefen Todezu ihm, dem Lebenden —
Da schlug er jähdie Hände vors Gesicht, wie er so kniete,um nichts zu sehen mehr nach diesem Lächeln.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neue Gedichte, S. 92, 1. Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Alkestis“, Fassung 3.780.371 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
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