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Versbuch

Pietà

Rainer Maria Rilke · 18751926

17 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1907

So seh ich, Jesus, deine Füße wieder,die damals eines Jünglings Füße waren,da ich sie bang entkleidete und wusch;wie standen sie verwirrt in meinen Haarenund wie ein weißes Wild im Dornenbusch.

So seh ich deine niegeliebten Gliederzum erstenmal in dieser Liebesnacht.Wir legten uns noch nie zusammen nieder,und nun wird nur bewundert und gewacht.

Doch, siehe, deine Hände sind zerrissen —:Geliebter, nicht von mir, von meinen Bissen.Dein Herz steht offen und man kann hinein:das hätte dürfen nur mein Eingang sein.

Nun bist du müde, und dein müder Mundhat keine Lust zu meinem wehen Munde —.O Jesus, Jesus, wann war unsre Stunde?Wie gehn wir beide wunderlich zugrund.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Neue Gedichte, S. 21, 1. Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1907
Digitalisat
de.wikisource.org — „Pietà“, Fassung 3.780.340 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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