Josuas Landtag
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
35 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1907
So wie der Strom am Ausgang seine Dämmedurchbricht mit seiner Mündung Übermaß,so brach nun durch die Ältesten der Stämmezum letztenmal die Stimme Josua.
Wie waren die geschlagen welche lachten,wie hielten alle Herz und Hände an,als hübe sich der Lärm von dreißig Schlachtenin einem Mund; und dieser Mund begann.
Und wieder waren Tausende voll Staunenwie an dem großen Tag vor Jericho,nun aber waren in ihm die Posaunen,und ihres Lebens Mauern schwankten so,
daß sie sich wälzten von Entsetzen trächtigund wehrlos schon und überwältigt, ehsie’s noch gedachten, wie er eigenmächtigzu Gibeon die Sonne anschrie: steh:
Und Gott ging hin, erschrocken wie ein Knecht,und hielt die Sonne, bis ihm seine Händewehtaten, ob dem schlachtenden Geschlecht,nur weil da einer wollte, daß sie stände.
Und das war dieser; dieser Alte war’svon dem sie meinten, daß er nicht mehr gelteinmitten seines hundertzehnten Jahrs.Da stand er auf und brach in ihre Zelte.
Er ging wie Hagel nieder über Halmen.Was wollt ihr Gott versprechen? Ungezähltstehn um euch Götter, wartend daß ihr wählt.Doch wenn ihr wählt, wird euch der Herr zermalmen.
Und dann, mit einem Hochmut ohnegleichen:Ich und mein Haus, wir bleiben ihm vermählt.
Da schrien sie alle: hilf uns, gib ein Zeichenund stärke uns zu unserer schweren Wahl.
Aber sie sahn ihn, wie seit Jahren schweigend,zu seiner festen Stadt am Berge steigend;und dann nicht mehr. Es war das letzte Mal.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neue Gedichte, S. 15, 1. Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Josuas Landtag“, Fassung 3.781.041 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
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