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Versbuch

Vor-Ostern

Rainer Maria Rilke · 18751926

35 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1918

NEAPEL

Morgen wird in diesen tiefgekerbtenGassen, die sich durch getürmtes Wohnenunten dunkel nach dem Hafen drängen,hell das Gold der Prozessionen rollen;statt der Fetzen werden die ererbtenBettbezüge, welche wehen wollen,von den immer höheren Balkonen(wie in Fließendem gespiegelt) hängen.

Aber heute hämmert an den Klopfernjeden Augenblick ein voll Bepackter,und sie schleppen immer neue Käufe;dennoch stehen strotzend noch die Stände.An der Ecke zeigt ein aufgehackterOchse seine frischen Innenwände,und in Fähnchen enden alle Läufe.Und ein Vorrat wie von tausend Opfern

drängt auf Bänken, hängt sich rings um Pflöcke,zwängt sich, wölbt sich, wälzt sich aus dem Dämmeraller Türen, und vor dem Gegähneder Melonen strecken sich die Brote.Voller Gier und Handlung ist das Tote;doch viel stiller sind die jungen Hähneund die abgehängten Ziegenböckeund am allerleisesten die Lämmer,

die die Knaben um die Schultern nehmenund die willig von den Schritten nicken;während in der Mauer der verglastenspanischen Madonna die Agraffeund das Silber in den Diademenvon dem Lichter-Vorgefühl beglänzterschimmert. Aber drüber in dem Fensterzeigt sich blickverschwenderisch ein Affeund führt rasch in einer angemaßtenHaltung Gesten aus, die sich nicht schicken.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Der neuen Gedichte anderer Teil, S. 54-55, Insel-Verlag, Leipzig, 1918
Digitalisat
de.wikisource.org — „Vor-Ostern“, Fassung 3.579.621 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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