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Versbuch

Lieben

Rainer Maria Rilke · 18751926

247 Zeilen in 74 Strophen · zuerst gedruckt Weihnachten 1896

I

UND wie mag die Liebe dir kommen sein?Kam sie wie ein Sonnen, ein Blütenschnein,kam sie wie ein Beten? – Erzähle:

Ein Glück löste leuchtend aus Himmeln sich losund hing mit gefalteten Schwingen großan meiner blühenden Seele ...

II

DAS war der Tag der weißen Chrysanthemen, –mir bangte fast vor seiner schweren Pracht ...Und dann, dann kamst du mir die Seele nehmentief in der Nacht.

Mir war so bang, und du kamst lieb und leise, –ich hatte grad im Traum an dich gedacht.Du kamst, und leis wie eine Märchenweiseerklang die Nacht ...

III

EINEN Maitag mit dir beisammen sein,und selbander verloren ziehndurch der Blüten duftqualmende Flammenreihnzu der Laube von weißem Jasmin.

Und von dorten hinaus in den Maiblust schaun,jeder Wunsch in der Seele so still ...Und ein Glück sich mitten in Mailust baun,ein großes, – das ists, was ich will ...

IV

ICH weiß nicht, wie mir geschieht ...Weiß nicht, was Wonne ich lausche,mein Herz ist fort wie im Rausche,und die Sehnsucht ist wie ein Lied.

Und mein Mädel hat fröhliches Blutund hat das Haar voller Sonneund die Augen von der Madonne,die heute noch Wunder tut.

V

OB dus noch denkst, daß ich dir Äpfel brachteund dir das Goldhaar glattstrich leis und lind?Weißt du, das war, als ich noch gerne lachte,und du warst damals noch ein Kind.

Dann ward ich ernst. In meinem Herzen brannteein junges Hoffen und ein alter Gram ...Zur Zeit, als einmal dir die Gouvernanteden „Werther“ aus den Händen nahm.

Der Frühling rief. Ich küßte dir die Wangen,dein Auge sah mich groß und selig an.Das war ein Sonntag. Ferne Glocken klangen,und Lichter gingen durch den Tann ...

VI

WIR saßen beide in Gedankenim Weinblattdämmer – du und ich –und über uns in duftgen Rankenversummte wo ein Hummel sich.

Reflexe hielten, bunte Kreise,in deinem Haare flüchtig Rast ...Ich sagte nichts als einmal leise:„Was du für schöne Augen hast.“

VII

BLONDKÖPFCHEN hinter den Scheibenhebt es sich ab so fein, –sternt es ins Stäubchentreibenoder zu mir herein?

Ist es das Köpfchen, das liebe,das mich gefesselt hält,oder das Stäubchengetriebedort in der sonnigen Welt?

Keins sieht zum andern hinüber.Heimlich, die Stirne voll Ruhschreitet der Abend vorüber ...Und wir? Wir sehn ihm halt zu. –

VIII

DIE Liese wird heute just sechzehn Jahr.Sie findet im Klee einen Vierling ...Fern drängt sichs wie eine Bubenschar:die Löwenzähne mit blondem Haarbetreut vom sternigen Schierling.

Dort hockt hinterm Schierling der Riesenpan,der strotzige, lose Geselle.Jetzt sieht er verstohlen die Liese nahnund lacht und wälzt durch den Wiesenplandes Windes wallende Welle ...

IX

ICH träume tief im Weingerankmit meiner blonden Kleinen;es bebt ihr Händchen, elfenschlank,im heißen Zwang der meinen.

So wie ein gelbes Eichhorn huschtdas Licht hin im Reflexe,und violetter Schatten tuschtins weiße Kleid ihr Kleckse.

In unsrer Brust liegt glückverschneitgoldsonniges Verstummen.Da kommt in seinem Sammetkleidein Hummel Segen summen ...

X

ES ist ein Weltmeer voller Lichte,das der Geliebten Aug umschließt,wenn von der Flut der Traumgesichtedie keusche Seele überfließt.

Dann beb ich vor der Wucht des Schimmersso wie ein Kind, das stockt im Lauf,geht vor der Pracht des Christbaumzimmersdie Flügeltüre lautlos auf.

XI

ICH war noch ein Knabe. Ich weiß, es hieß:Heut kommt Base Olga zu Gaste.Dann sah ich dich nahn auf dem schimmernden Kies,ins Kleidchen gepreßt, ins verblaßte.

Bei Tisch saß man später nach Ordnung und Rangund frischte sich mäßig die Kehle;und wie mein Glas an das deine klang,da ging mir ein Riß durch die Seele.

Ich sah dir erstaunt ins Gesicht und vergaßmich dem Plaudern der andern zu einen,denn tief im trockenen Halse saßmir würgend ein wimmerndes Weinen.

Wir gingen im Parke. – Du sprachst vom Glückund küßtest die Lippen mir lange,und ich gab dir fiebernde Küsse zurückauf die Stirne, den Mund und die Wange.

Und da machtest du leise die Augen zu,die Wonne blind zu ergründen ...Und mir ahnte im Herzen: da wärest duam liebsten gestorben in Sünden ...

XII

DIE Nacht im Silberfunkenkleidstreut Träume eine Handvoll,die füllen mir mit Trunkenheitdie tiefe Seele randvoll.

Wie Kinder eine Weihnacht sehnvoll Glanz und goldnen Nüssen, –seh ich dich durch die Mainacht gehnund alle Blumen küssen.

XIII

SCHON starb der Tag. Der Wald war zauberhaft,und unter Farren bluteten Zyklamen,die hohen Tannen glühten, Schaft bei Schaft,es war ein Wind, – und schwere Düfte kamen.Du warst von unserm weiten Weg erschlafft,ich sagte leise deinen süßen Namen:Da bohrte sich mit wonnewilder Kraftaus deines Herzens weißem Liliensamendie Feuerlilie der Leidenschaft.

Rot war der Abend – und dein Mund so rot,wie meine Lippen sehnsuchtheiß ihn fanden,und jene Flammen, die uns jäh durchloht,sie leckten an den neidischen Gewanden ...Der Wald war stille, und der Tag war tot.Uns aber war der Heiland auferstanden,und mit dem Tage starben Neid und Not.Der Mond kam groß an unsern Hügeln landen,und leise stieg das Glück aus weißem Boot.

XIV

ES leuchteten im Garten die Syringen,von einem Ave war der Abend voll, –da war es, daß wir voneinander gingenin Gram und Groll.

Die Sonne war in heißen Fieberträumengestorben hinter grauen Hängen weit,und jetzt verglomm auch hinter Blütenbäumendein weißes Kleid.

Ich sah den Schimmer nach und nach vergehenund bangte bebend wie ein furchtsam Kind,das lange in ein helles Licht gesehen:Bin ich jetzt blind? –

XV

OFT scheinst du mir ein Kind, ein kleines, –dann fühl ich mich so ernst und alt, –wenn nur ganz leis dein glockenreinesGelächter in mir widerhallt.

Wenn dann in großem Kinderstaunendein Auge aufgeht, tief und heiß, –möcht ich dich küssen und dir raunendie schönsten Märchen, die ich weiß.

XVI

NACH einem Glück ist meine Seele lüstern,nach einem kurzen, dummen Wunderwahn ...Im Quellenquirlen und im Föhrenflüsternda hör ichs nahn ...

Und wenn von Hügeln, die sich purpurn säumen,in bleiche Bläue schwimmt der Silberkahn, –dann unter schattenschweren Blütenbäumenseh ich es nahn.

In weißem Kleid; so wie das Lieb, das tote,am Sonntag mit mir ging durch Staub und Strauch,am Herzen jene Blume nur, die rote,trug es die auch? ...

XVII

WIR gingen unter herbstlich bunten Buchen,vom Abschiedsweh die Augen Beide rot ...„Mein Liebling, komm, wir wollen Blumen suchen.“Ich sagte bang: „Die sind schon tot.“

Mein Wort war lauter Weinen. – In den Äthernstand kindisch lächelnd schon ein blasser Stern.Der matte Tag ging sterbend zu den Vätern,und eine Dohle schrie von fern. –

XVIII

IM Frühling oder im Traumebin ich dir begegnet, einst,und jetzt gehn wir zusamm durch den Herbsttag,und du drückst mir die Hand und weinst.

Weinst du ob der jagenden Wolken?Ob der blutroten Blätter? Kaum.Ich fühl es: du warst einmal glücklichim Frühling oder im Traum ...

XIX

SIE hatte keinerlei Geschichte,ereignislos ging Jahr um Jahr –auf einmal kams mit lauter Lichte ...die Liebe oder was das war.

Dann plötzlich sah sies bang zerrinnen,da liegt ein Teich vor ihrem Haus ...So wie ein Traum scheints zu beginnen,und wie ein Schicksal geht es aus.

XX

MAN merkte: der Herbst kam. Der Tag war schnellerstorben im eigenen Blute.Im Zwielicht nur glimmte die Blume noch grellauf der Kleinen verbogenem Hute.

Mit ihrem zerschlissenen Handschuh strichsie die Hand mir schmeichelnd und leise. –Kein Mensch in der Gasse als sie und ich ...Und sie bangte: Du reisest? „Ich reise.“

Da stand sie, das Köpfchen voll Abschiedsnotin den Stoff meines Mantels vergrabend ...Vom Hütchen nickte die Rose rot,und es lächelte müde der Abend.

XXI

MANCHMAL da ist mir: Nach Gram und Mühwill mich das Schicksal noch segnen,wenn mir in feiernder Sonntagsfrühlachende Mädchen begegnen ...Lachen hör ich sie gerne.

Lange dann liegt mir das Lachen im Ohr,nie kann ichs, wähn ich, vergessen ...Wenn sich der Tag hinterm Hange verlor,will ich mirs singen ... Indessensingens schon oben die Sterne ...

XXII

ES ist lang, – es ist lang ...wann – weiß ich gar nimmer zu sagen ...eine Glocke klang, eine Lerche sang –und ein Herz hat so selig geschlagen.Der Himmel so blank überm Jungwaldhang,der Flieder hat Blüten getragen, –und im Sonntagskleide ein Mädchen, schlank,das Auge voll staunender Fragen ...Es ist lang, – es ist lang ...

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Traumgekrönt, S. 89-100, Weihnachten 1896
Digitalisat
de.wikisource.org — „Lieben“, Fassung 3.780.265 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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