Jugend
Karl Kraus · 1874–1936
139 Zeilen in 36 Strophen · zuerst gedruckt 1920
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Jugend
Da schon die Blätter falb,will ich nicht säumen,innen und außerhalbFrühling zu träumen.
Eh mich umfaßt die Qualdunkler Gewalten –o holdes Dazumal,lasse dich halten!
Wie es von mildem Wehweht durch die Zeiten!Will, wenn ich schulwärts geh’,gern mich begleiten.
Hab’ vor dem Ziele bang,nie mich erdreistet.Wenn es mir auch gelang,war’s doch geleistet.
Länger davor verweilt,wird es mir lieber –ach, wie die Zeit enteilt,ich habe Fieber.
Wie es mich trieb mit Hastzu Hindernissen,drückte wie Zentnerlastgutes Gewissen.
Nicht ohne Lust ich littvieles Versäumnis,nie ohne Furcht ich schrittin das Geheimnis.
Glück war es und Beruf,Glück zu entbehren;was mir Verehrung schuf,scheu zu verehren.
Muth aber und Gewaltvor der Gemeinde,Sturm ohne Aufenthaltfaßte die Feinde.
Herz, wie du wieder bangstim weitern Raume,weckte dich Kinderangstaus deinem Traume.
Pocht es von altersher,öffn’ ich die Sinne,daß es wie damals wär’,wo ich beginne.
In trüber Lebensluftvoller Gefahrenahn’ ich den Gartenduftaus frühen Jahren.
Ruf ichs, so ist es da,daß ich es hege.Grün, wie ich’s nie mehr sah,wuchs mir am Wege.
Liegt mir die Zeit im Ohr,um mich zu täuschen,dringt doch ein Kinderchoraus den Geräuschen.
Heuer gehts früh aufs Land,auf blasser Wangefühle ich deine Hand.Fort bist du lange.
Fern als ein Leierklangklingts in das Leben,wills einem Leid entlangspielen und schweben.
Ja dort in Weidlingau,in jenem Alter,war mir der Himmel blau,roth war der Falter.
Bin schon im Herrenbad,Schwimmeisterstimme,welch eine Wundertat,daß ich schon schwimme!
Dann in der Bildung Frohn,bessrer Berather,spielt mir der LebenstonSommertheater.
Da ward mir frei und frohvor bunter Szene.Liebte Madame Angot,schöne Helene.
Blaubarts Boulotte und,nicht zu vergessen,Gerolstein, Trapezunt,alle Prinzessen.
Und bis zum letzten Lohnschwebender Wonnetanzte und schlug den TonGilette von Narbonne.
Leben kein Sündenplatz,Kunst keine Sühne.Schwerlosen Wissens Schatzbot mir die Bühne.
Gern den gebührlichenDank will bewahrenjenen figürlichenAchtziger Jahren!
Was ich vereine,dort schien’s gefunden,und ihrem ScheineWesen entbunden.
Wer bliebe ungerührtvon ihren Künsten?Doch keine Brücke führtzu euren Dünsten!
Kunst war nicht Nebenbei,konnte noch gelten,rief als ein Wolterschreitieferen Welten.
Was nun in Dunkelheitleide und sehne,weiht jenem bessern LeidSonnenthals Thräne.
Jünger bin ich als jung,leb’ ich im Alten.Welche Erneuerung!Welches Erhalten!
Zieht in der Zeiten Kluft –ich wohne besser,bau’ ich mir in die Luftbrüchige Schlösser!
Blick’ ich nur aus von dortin eure Fenster,ruft euch mein Zauberwort:seid ihr Gespenster!
Neuer ist meine Art,freier ich wohne.Es brach die Gegenwartein Epigone!
Rückwärts mein Zeitvertreib!Jugend erst werde!Länger als ihr verbleib’ich auf der Erde!
Und weil die Blätter falb,soll es mich laben,innen und außerhalbFrühling zu haben!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Ausgewählte Gedichte, S. 29-34, Verlag der Schriften von Karl Kraus (Kurt Wolff), München, 1920
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Jugend (Kraus)“, Fassung 3.513.772 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Karl Kraus starb 1936; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2006 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118566288 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.