Hypochonders Mondlied
Nikolaus Lenau · 1802–1850
104 Zeilen in 26 Strophen · zuerst gedruckt 1838
Singt ihr in eurem Freudenliede:Der heitre Mond am Himmel lacht,Und ihm entstrahlt ein süßer Friede –So habt ihr nie den Mond bedacht.
Seht ihr ihn dort herüberschweben,Bleich, ohne Wasser, ohne Luft,Er zieht mit ausgestorbnem Leben,Ein Todtengräber sammt der Gruft.
Dort dringt der Mond mit seinem SchimmerStill dem Nachtwandler ins GemachUnd winkt und lockt aus Bett und Zimmer,Der Schläfer folgt ihm auf das Dach,
Und huscht, geschloßner Augenlieder,Hin, her, des Daches steilsten Bug,Als hielte geistiges GefiederEnthoben ihn dem Erdenzug.
Der Mond zieht traurig durch die Sphären,Denn all die Seinen ruhn im Grab;Drum wischt er sich die hellen ZährenBei Nacht an unsern Blumen ab.
Darum durchschleicht er Fenster, Thüren,Auf Diebessohlen leis und lind,Der Erde heimlich zu entführenIm Schlafe dies und jenes Kind.
Den Schläfern um den Leib zu schlingenSucht er sein feines Silbernetz,Und sie zu sich hinaufzuschwingen;Doch seine Fäden reißen stets.
Und ewig wird es ihm mißglücken,Zu stehlen sich ein Spielgesind,In seine Wüste zu entrückenEin lebenwarmes Erdenkind.
Der Mond wohl auch die SchlummerlosenDer Erde zu entlocken sucht,Er will mit schwärmerischem KosenBereden sie zu früher Flucht.
Oft wenn ich ging durch Wald und Wiesen,Log mir der Mondenschein so lang,Ich sei auf Erden nur verwiesen,Bis ich hinweg mich sehnte bang.
Weil er uns nicht vermag zu stehlen,Nicht wachend, nicht in Schlafesruh,Schickt er mit Blicken, stieren, scheelen,Der Erde Todeswünsche zu.
Als Knabe schon konnt’ ich nicht schauenZum stillen, blassen Mond empor,Daß nicht ein wunderliches GrauenMir heimlich das Gebein durchfror.
Nirgends, auf Wald und Feld und Straßen,Frohlockt so hell des Mondes Licht,Wie auf dem Kirchhof, wo verlassenEin armes Herz vor Leide bricht.
Ja, Gräber sind für ihn die Stelle,Und an Ruinen Dorngesträuch;Doch vor des Mondes schlimmer HelleBewahrt das Brautbett, rath’ ich euch.
Laßt ihr den Mond ins Brautbett scheinen,Ist euer künftig Kind bedroht,Denn viele Stunden wird es weinen,Und wünschen wird es sich den Tod.
Wenn Schiffer Nachts das Meer befahren,Umhüllen sie das Haupt genau,Denn spielt der Mond mit ihren Haaren,So färbt er sie frühzeitig grau.
Und bei Banditen geht die Kunde:Ein Dolch, gewetzt im Mondenschein,Sticht eine ewig stumme Wunde,Trifft mittendurch ins Herz hinein.
Und jene grausen alten Weiber,Die man nicht gern genauer nennt,Weil ihnen sonst die dürren LeiberDas tolle Volk zu Asche brennt;
(– Wenn auch von Aerzten, Philosophen,Ein volkverwirrendes KomplottSie Hexen nennt und Teufelszofen,Der aufgeklärten Zeit zum Spott –)
Die ziehn auf mondbestrahlten Heiden,Und pflücken murmelnd Gras und Kraut,Woraus zu manchen ZauberleidenManch böses Tränklein wird gebraut.
Bergjäger, der kein Raubschütz, meidetDen Mond; ein Wild, im MondenstrahlGeschossen oder ausgeweidet,Verwest so frühe noch einmal.
Und eine Tann’ im Wald geschlagen,Wenn hell der Mond am Himmel blinkt,Als Mastbaum in das Meer getragen,Zerbricht der Sturm – das Schiff versinkt.
Tief in den höchsten SteyrerfelsenKenn’ ich ein Dörflein, wo man meint:Der Mond wird schuld an dicken Hälsen,Wenn er in einen Brunnen scheint.
Dort meint man auch, wenn MondsgefunkelDie Spinnerin am Rad umspinntUnd widerglänzt von ihrer Kunkel,Daß sie ein Leichenhemd gewinnt. – –
Weil mich der Mond, ins Zimmer glotzend,Nicht schlafen ließ in dieser Nacht,Hab’ ich Poet hinwieder trotzendDies Lied zum Schimpf auf ihn gemacht.
Noch wüßt’ ich viel von ihm zu melden,Doch seh ich dort im UntergangHinunterducken meinen Helden,Bevor ich noch das Schlimmste sang.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neuere Gedichte, S. 235–241, 1. Auflage, Hallberg, Stuttgart, 1838
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Hypochonders Mondlied (1838)“, Fassung 3.780.534 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Nikolaus Lenau starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118571508 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.