Winternacht
Nikolaus Lenau · 1802–1850
26 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1848
1.
Vor Kälte ist die Luft erstarrt,Es kracht der Schnee von meinen Tritten,Es dampft mein Hauch, es klirrt mein Bart;Nur fort, nur immer fortgeschritten!
Wie feierlich die Gegend schweigt!Der Mond bescheint die alten Fichten,Die, sehnsuchtsvoll zum Tod geneigt,Den Zweig zurück zur Erde richten.
Frost! friere mir ins Herz hinein,Tief in das heißbewegte, wilde!Daß einmal Ruh mag drinnen seyn,Wie hier im nächtlichen Gefilde!
2.
Dort heult im tiefen WaldesraumEin Wolf; – wie’s Kind aufweckt die Mutter,Schreit er die Nacht aus ihrem TraumUnd heischt von ihr sein blutig Futter.
Nun brausen über Schnee und EisDie Winde fort mit tollem Jagen,Als wollten sie sich rennen heiß:Wach auf, o Herz, zu wildem Klagen!
Laß deine Todten auferstehn,Und deiner Qualen dunkle Horden!Und laß sie mit den Stürmen gehn,Dem rauhen Spielgesind aus Norden!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte. S. 32-33, 10. Auflage, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1848
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Winternacht (Nikolaus Lenau)“, Fassung 4.640.961 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Nikolaus Lenau starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118571508 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.