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Versbuch

Zwei Wahnsinnige

Marie Eugenie Delle Grazie · 18641931

48 Zeilen in 2 Strophen · zuerst gedruckt 1892

Zwei große Menschen schritten diese PfadeUnd oft steh'n Beide jäh mir vor dem Sinn:Tasso, der Dichterfürst von Gottes Gnade,Und Friedrich Nietzsche .... gleich war ihr GewinnUnd Wahnwitz hieß er; Beide weltverlassenUnd unstät, der gepeinigt, der verlacht,Getrennt wie Sternenbahnen ihre Straßen,Doch beide mündend in die gleiche Nacht!Hier Tasso, dem Natur ihr tiefstes LebenUnd Walten in die Dichterbrust gesenkt,Ihr mystisch Ringen, ihr geheimstes Weben,Das wie im Traume schafft, doch schaffend – denkt!Doch ach! hinweg aus ihres Tempels FriedenFlieht er zum Kreuz, das sie entgöttert hat,Und keine Ruhe winkt ihm mehr hieniedenUnd Grau'n umdräuen ihn auf jedem Pfad,Und zum Gespenste wird, die ihn erlösenUnd retten sollte – seines Glaubens Macht,Und zum Gespenst wird ihm das eig'ne Wesen:Entsetzen packt ihn und Verzweiflung lachtIn seiner Brust und ein dämonisch BangenSchlägt ihm die Geierkrallen in's Gehirn,Und Sünden, Frevel, die er nie begangenVerfolgen ihn – bis er mit fahler Stirn,Den Mund umzuckt von wahnwitzigen FragenZur Heimat kehrt, als such' er nach der Spur,Dem Hauch des Glück's, von jenen Wundertagen,Dem Sonnen-Pfad der Zauberin Natur!

Umsonst! Armidens Gärten sind verschwunden,Vergeblich schreit er jetzt nach ihrem Bann –Er hat ihn mit dem Kreuze überwundenUnd unbarmherzig stiert das Kreuz ihn an! –Kühn drang der Andere in ihre Tiefen,Die Brust von prometheischem Trotz erfüllt,Wo fromm in ihrem Bann die Menschen schliefen,Da wollt' er wachen, lauschen, und enthülltDie Triebe seh'n, die heimlich sie bewegen,Und mit ihr – uns! den kalten ForschersinnWollt' er als Maß an alle Tiefen legenUnd dann auflachen: „Lügner – Lügnerin!“Und aufgelacht hat er – ein gell Gelächter,Das wie ein Blitz die Nacht des Wahn's erhellt,Nur daß er, niederfahrend, den VerächterZuerst getroffen und den Stamm zerspellt,Der kühn sich selbst entwurzelt .... zwischen BeidenUnd ihres Daseins glüher Flammenspur,Liegt hell im Sonnenglanz der EwigkeitenDie alte, riesenhafte Sphinx – Natur!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Italische Vignetten, S. 101-102, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892
Digitalisat
de.wikisource.org — „Zwei Wahnsinnige“, Fassung 585.145 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Marie Eugenie Delle Grazie starb 1931; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2001 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118746278 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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