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Versbuch

Vor uns her trottet der Führer

Marie Eugenie Delle Grazie · 18641931

48 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1892

1.

Vor uns herTrottet der Führer: schwatzendUnd wiederkauend, ein kläglich-drolliger Staarmatz,Den Noth und Hunger Weisheit gelehrt!Ich aber –Ich lausch’ ihm nicht: was sollen mir Namen, woDas Schicksal riesengroß sich eingezeichnet,Und lapidar der TodSein schwarzes „Amen!“ schrieb in’s blühende Leben?

Sein istNoch heut’ Pompeji – und wenn auchDem Licht gegeben – sein ist’sUnd seine Medusenzüge trägt’s,Die herzbeklemmenden, wahnsinnstarren,Die fürchterlichen Züge des Todes!

Ihr habt ihm’sVom Herzen geraubt und dem Schooß der Verwesung entrissen,Mit wühlender Neugier habt ihr’sEmporgehoben und sein RiesenwerkIn eurer Sprache getauft,Und seine RiesenthatMit euren Spaten besudelt –Ihr Thoren – ihr Pygmäen – und er litt’s!

Er litt es und spie euch wie zum HohnNoch Euresgleichen herauf:Vermorschte Kadaver undEntflieh’nde, die um eines Schrittes BreiteWie Bestien gekämpft;Vergessene Götter,Gestürzte AltäreUnd das, worum ihr noch heute kämpftUnd mordet, und im Schweiß eures AngesichtesEuch mühen werdet durch alle Zeiten – Brot....

Ihr aber,Ihr trippelt nun durch seine Ruinen,Und staunt,Und schaudert,Und fühlt nur Ein’s nicht: seinen göttlichen Hohn!Und deutet nur Ein’s euch nicht: das trauernde MahnenDer holden Natur, darein ihr dies Zerrbild gestellt,Die mütterlichDen Tod euch verhüllt und überDie Schrecken der Tiefe die schimmernden Meere gespannt,Mit liebreichem Sonnen-AntlitzEuren kindischen Hochmuth schautUnd herübergrüßt wie versöhnendMit dem grünen Sorrent und dem prächt’gen Camaldoli!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Italische Vignetten, S. 91–92, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892
Digitalisat
de.wikisource.org — „Vor uns her trottet der Führer“, Fassung 377.053 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Marie Eugenie Delle Grazie starb 1931; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2001 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118746278 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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