Zum Inhalt springen
Versbuch

Pollice verso

Marie Eugenie Delle Grazie · 18641931

101 Zeilen in 21 Strophen · zuerst gedruckt 1892

2. Pollice verso.

Stolz tritt er in die Schranken,Der lockige Barbar,Kein Zucken oder SchwankenDer Muskel und Gedanken,So keck sein Aug’ und klar!

Noch niemals unterlegen!Ganz Rom kennt seine Art:Bald tückisch, bald verwegen,Doch immer überlegen,Sein Arm wie Stahl so hart.

Er ist nur GladiatorUnd blutig sein Gewinn,Doch heut’ ein Triumphator,Denn Roma’s ImperatorVerlor sein – Weib an ihn!

Dein kurzer, fester Nacken,Dein krausgewelltes Haar,Die Art den Feind zu packenUnd fühllos einzuhacken,Gewann sie dir, Barbar!

Die königlichen GliederVom Purpur stolz umwallt,Schaut sie auf dich hernieder,Kaum zucken ihre Lider,So herb ihr Blick und kalt.

Du aber wardst im DunkelDer Nacht von ihr umarmt,Kennst ihres Aug’s Gefunkel –Barbar, im sünd’gen DunkelBist du an ihr erwarmt! ...

Und schon beginnt das Ringen –Hab’ Allzusich’rer AchtUnd brauche deine Klingen,Du mußt den Feind bezwingen,So lang dies Weib dir lacht!

Wie blitzt es auf und nieder,Sein blankes, kurzes Schwert!Wie prächtig seine GliederIm steten Hin und Wider –Er war des Preises werth!

Die Arme die behenden,Sie schwellen ihm vor Kraft;Wie zuckt’s um seine LendenBeim steten Dreh’n und Wenden,Ganz Muth und Leidenschaft.

Und nun – nun wird er siegen:Ein Hieb, dann ist’s gethan!Der Andre muß erliegenSchon holt er aus – da fliegenDie Blicke ihm hinan;

Zu ihr, die lechzend währendDes Kampf’s sich vorgebeugtUnd nun, das Aug’ begehrendGeöffnet, ihn verzehrendIhr heiß Verlangen zeigt.

So lohten ihre BlickeIn jener schwülen Nacht! –Da siegt des Gegners Tücke,Mit blutendem GenickeWird er zu Fall gebracht.

Und kalt des Schwertes SpitzeAuf seine Brust gestellt,Verbeugt sich vor dem SitzeDes Cäsars Jener: „BlitzeOder schone, Herr der Welt!“

Doch keck blickt er nach oben,Der lockige Barbar,Nun wird sie sich erproben –Wenn sie die Hand erhoben,Krümmt Keiner ihm ein Haar!

Die feisten Senatoren,Sie gönnten’s ihm wohl baß:Den Schlemmern, kahlgeschoren,Auf üppigen Emporen,Wär’s ein – Verdauungs-Spaß!

Und Vesta’s Jungfrau’n wieder,Sie kämpften schon aus NeidDes Mitleids Stimme nieder:Nicht blühen solche GliederFür ihre Einsamkeit!

Doch sie, die ihn umfangen – –Und wieder fliegt sein BlickZu ihr, die dort voll PrangenSein Hoffen und VerlangenUnd heut’ auch – sein Geschick!

Wie könnte sie ermatten,Für ihn, um ihn zu fleh’n?Schon beugt sie sich zum Gatten –Nun lächelt sie – kein SchattenIn ihrem Blick zu seh’n;

Und nun – ha schwindelnd wendenDes Opfers Augen sich –Mit ihren eignen HändenBefiehlt sie kalt zu enden,Und jäh trifft ihn der Stich;

Ein Zucken und ein Röcheln –Ganz Rom heult wie verzückt!Sie läßt sich Kühlung fächelnUnd lacht – es ist das Lächeln,Das gestern ihn beglückt....

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Italische Vignetten, S. 17-20, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892
Digitalisat
de.wikisource.org — „Pollice verso“, Fassung 1.448.849 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Marie Eugenie Delle Grazie starb 1931; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2001 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118746278 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Marie Eugenie Delle Grazie

Alle Gedichte von Marie Eugenie Delle Grazie ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Naturalismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.