Scirocco-Phantasien
Marie Eugenie Delle Grazie · 1864–1931
32 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1892
Ein schwüler Tag... von unheimlichen GluthenGeschwängert, athmet bang und träg die Luft;Die Sonne scheint am Himmel zu verbluten,Der Erd’ entströmt ein räthselhafter Duft,Der stark wie Opium die müden GliederDir löst, doch heiß die Sinne dir erregt –Nur scheinbar küßt der Traumgott deine Lider,Zu bunt ist, was er zeigt und zu bewegt;Zu grell und leuchtend malen seine Farben,Zu lebensprühend täuscht dich seine Macht,Es ist, als bände er den Blitz zu Garben,Für seiner Bilder loh’nde Märchenpracht! –
Auf stiller Höh’, wo ernst und traumverlorenSan Pietro und Bramante’s Tempel steh’n,Hab’ ich ein einsam Plätzchen mir erkoren,Dem dunkle Pinienzweige Kühlung weh’n.Wie ausgestorben liegt zu meinen FüßenDie Stadt im Banne des Scirocco: leerUnd öd’... doch die Albanerberge grüßenGigantisch über die Campagna her,Und fern am Rand des Horizontes thürmenGewitterschwanger sich die Wolken auf –Ein Flügelschlag des Windes – und sie stürmenWie eine schwarze Legion herauf....
Erwartungsvolles, athemloses SchweigenRingsum; ein dumpfes Brüten in der Luft,Ein geisterhaftes Flüstern in den Zweigen,Verblühender Magnolien schwüler Duft –Versengend brennt die Sonne auf mich nieder,Schon flammt sie roth, wie Moloch im Zenith!Ha – Kühlung – Luft! Da sinken mir die Lider –Welch Rauschen? Traumgott – hör’ ich deinen Schritt?
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Italische Vignetten, S. 54-55, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Scirocco-Phantasien“, Fassung 3.660.740 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Marie Eugenie Delle Grazie starb 1931; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2001 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118746278 der Deutschen Nationalbibliothek.
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