Nachtgespenst
Marie Eugenie Delle Grazie · 1864–1931
24 Zeilen · zuerst gedruckt 1892
Ich lag in holden Traumes Bann:Blau durch die Scheiben quollDes Mondes Licht und überrannDie Wände zaubervoll;Und schuf im Nu ein Märchenland,Der Sehnsucht lockend nah –Was jemals ich begehrt, es standIn seinem Schimmer da;Ein Schritt nur – und ich schwelgte d’rin!Ein Griff – und es war mein!Und schwindelnd fuhr’s mir durch den Sinn:„Das Glück! Nimm’s, es ist dein!“Da schlich sich an mein Lager sachtEin bleiches Grau’ngesicht,Mit Augen, trostlos wie die Nacht,Wenn sie kein Stern durchbricht;Mit Händen, eifrig, grabesschwerUnd lastend, hart wie Erz,Und diese Hände preßte er,Der Unhold, mir auf’s Herz;Bis Wunsch und Kraft und Wille flohUnd starb in dumpfer Ruh’,Dann nickte er: „Ich will es so!Nun Menschlein – träume zu!“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Italische Vignetten, S. 131, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Nachtgespenst“, Fassung 584.137 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Marie Eugenie Delle Grazie starb 1931; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2001 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118746278 der Deutschen Nationalbibliothek.
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