Aus der Gefängniszeit 1850-1856
Louise Otto-Peters · 1819–1895
29 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Bruchsal, im August 1851.
Zwei Eisengitter scheiden Dich von mir! –Dazwischen schreitet auf und ab der Wächter –Die Liebe schwingt ihr heiliges Panier,Ein Talisman für Dich und mich, ein echter!
Kein Händedruck, kein Kuß! – kein Gitter fälltUnd keine Hand kann durch die Stäbe langen,Und selbst das Wort von Laurern rings umstellt,Es bleibt im Bann, es ist wie Du gefangen. –
Die Ihr Euch liebt in Freiheit hoch beglückt:Vermögt Ihr wohl ein solches Wiedersehen?Euch auszumalen, Herz an Herz gedrückt,Wie möchtet Ihr vor solchem Gitter stehen?
Wir standen so: Wir sahn uns Aug in Aug, –Ein Siegeszeichen strahlt von unsren Stirnen.So zieht im Sturm ein SonnenaufgangshauchUm ferner Alpen hochgetragne Firnen.
Und Sonnenaufgang war’s und LerchenrufUnd Hallelujahsang aus höhern Sphären!Noch einmal Gott die schöne Welt erschuf –Und es ward Licht; die Schöpfung zu verklären.
Und es ward Licht! die Augen wurden hell,Das Seel’ um Seele auf den Grund sich schautenUnd jubelnd flog das Herz zum Herzen schnell,Daß sie sich so das Seligste vertrauten.
Zwei Eisengitter zwischen Dir und mir –„Vorbei die Stunde!“ mahnt der rauhe Wächter –Die Liebe schwingt ihr heiliges PanierEin Talisman für Dich und mich, ein echter.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 147-149, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Bruchsal (Louise Otto)“, Fassung 638.491 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.
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