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Versbuch

Schneeglöckchen

Louise Otto-Peters · 18191895

30 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Schneeglöckchen läutet den Frühling ein,Geweckt vom kosenden Sonnenstrahl,Im Schneegewande, so schlicht und klein,Auf zartem Kelche der Hoffnung Mal:Das fröhliche Grün, das alte Zeichen,Vom Frühlingskommen und Winterweichen.

Rings starres Schweigen – das Glöckchen klingtAuf zartem Stengel beim leisesten Hauch,Es scheint zu beten und flüstert und singtDas Wort der Weihe nach altem Brauch:„Der Lenz ist gekommen, er hat uns gesendet,Des Winters Herrschaft sie ist beendet!“

Du kleines Blümchen – falscher Prophet!So höhnt dich lächelnd die kluge Welt –Ein eisiger Nord durch die Fluren weht,Dichtflockig der Schnee vom Himmel fällt.Schneeglöckchen beugt sich mit Todesgebärden,Flüstert noch sterbend: „Lenz muß es werden!“

Lenz muß es werden – werden gar bald:Da naht er siegend mit lauter Grün,Vernichtet ringsum des Winters Gewalt,Läßt tausend prächtige Blumen blühn –Schneeglöckchen brachte zuerst die KundeJetzt aber fehlt es im blühenden Bunde.

Denn weil es so nah an der Brust der Natur,Gefühlt die Schmerzen der ganzen Zeit,Drang es hinaus auf die kalte Flur,Zu künden jubelnd „Der Lenz befreit!“So nahte es liebend um froh zu sterben – –Schneeglöckchen – darf ich dein Schicksal erben?

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 42-43, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Schneeglöckchen“, Fassung 638.536 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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