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Versbuch

Seligkeit

Louise Otto-Peters · 18191895

52 Zeilen in 13 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Zufrieden nicht mit Gut und Glück,Gebannt in enge Lebenssphären,Erhebst Du weiter Wunsch und Blick,Und willst noch Seligkeit begehren.

Und weißt Du auch was Seligkeit?Und weißt Du auch wie sie errungen? –Ein Lichtblick nur auf Raum und Zeit,Der ihre Schranken übersprungen!

Wenn Du im brünstigen GebetZum Throne Gottes Dich erhobenUnd die Gewißheit vor Dir steht:Dein Geist ist selbst ein Strahl von oben.

Ein Strahl, ein Teil von Gottes Licht,Betraut mit einer hohen Sendung –Und eine innre Stimme spricht:Du bist erkoren zur Vollendung –

Wenn dann Dich das Gefühl beseeltIn dieses Daseins Wechselleben:Die ganze Menschheit ist erwählt,Um nach Vervollkommung zu streben –

Und wenn im Tempel der NaturIm Abendrot, beim Sternenreigen,Im Sonnenglanz der BlumenflurSich Bilder des Vollkommen zeigen;

Dann sinkt von Dir ein jedes LeidUnd jeder Zweifel ist zerronnen,Und ein Moment der SeligkeitHast Du hienieden schon gewonnen.

Und wenn in schöner HarmonieDein Herz ein andres Herz begegnet,Und zweier Seelen Sympathie,Lieb und Begeistrung zwiefach segnet.

Dann bist Du selig erdentrückt,Fühlst Dich von Himmelslust umfangen,Und ahnst beglückend und beglückt,Daß zur Vollendung zu gelangen.

Und wenn ein Werk der Hand, dem GeistGelungen ist durch Fleiß und Mühen,Dem Aug’ ein dunkler Vorhang reißtUnd neue Lande vor Dir blühen!

Und mitten drinn in Kampf und NotDoch für den Gott im Busen streiten,Und hinzunehmen Schmach und Tod,Den Sieg der Menschheit zu bereiten:

Das ist auf Erden Seligkeit –Ein Augenblick und wir erschrecken,Daß wir erhoben uns so weitOb all den Wolken, die uns decken.

Doch will ein solcher AugenblickDes Jenseit Seligkeit uns nennen:Sinkt Raum und Zeit von uns zurück,Wirst Du Vollkommnes rings erkennen!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 311-313, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Seligkeit“, Fassung 638.537 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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