Romantik
Louise Otto-Peters · 1819–1895
44 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Der Mond im SilbernachenDurchzieht die blaue Flut,Er scheint allein zu wachenWo alles schlummernd ruht.
Im Hain und auf den AuenErglänzt sein magisch Licht,Wo helle Tropfen tauenEin Baum zum andern spricht:
„Das ist die Geisterstunde,Schon naht die Mitternacht!“Da sind im WaldesgrundeDie Elfen aufgewacht.
Sie tanzen ihren ReigenAuf Teppichen von Moos,Und lösen von den ZweigenWohl Blüt’ um Blüte los.
Das ist ein fröhlich LebenIm hellen Mondenschein,Sie hüpfen und sie schwebenVoll Lust waldaus und ein;
Bis daß am HimmelsrandeVersinkt des Mondes Kahn,Und krähend weckt die LandeMit Morgengruß der Hahn.
Die Elfen fliehn erschrockenIn Erd’ und Felsenspalt –Der Nebel sinkt in FlockenAuf ihr Versteck im Wald. –
Das ist dein Los ja heuteRomantik, Elfenland!Du wardst des Tages Beute,Dein süßer Zauber schwand.
Und wer ihn noch will hegen,Der muß von hinnen fliehn,Auf tief verborgnen WegenIn’s Land der Elfen ziehn,
Denn sie sind nicht gestorben,Sie leben fort und fort,Sie hüten unverdorbenNoch ihren Wunderhort.
Allein nur den GeweihtenErschließen sie den Pfad –Wie ist ein Reich zu neiden,Dem kein Profaner naht!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 230-231, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Romantik (Louise Otto)“, Fassung 638.534 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.
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