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Versbuch

Natur und Kunst

Louise Otto-Peters · 18191895

62 Zeilen in 17 Strophen · zuerst gedruckt 1893

I.

Wie ist der Wald zur heil’gen FeierDes Frühlings festlich neu geschmückt,Und grüßt ihn rauschend als Befreier,Den Siegeskranz aufs Haupt gedrückt.

Als sei ein Zauber ausgegossenHerabgeströmt vom Himmelszelt!So, duft- und gold- und glanzumflossenErscheint die neu verjüngte Welt!

Und schön gesellt solch neues WerdenZur Blumenpracht den Blütenbaum,Und Lerch’ und Nachtigall GefährtenUnd Tag und Nacht ein Wonnetraum!

All überall ein reiches Leben,Ein Jubelfest in Wald und Flur,Die schönste Form, das kühnste StrebenUmfließt ein sonniger Azur.

All überall VerklärungsschimmerAuf jeder Höh’, in jedem Thal,Im Mondenlicht, im SterngeflimmerSo wie im goldnen Sonnenstrahl.

In diese Wonneflut zu tauchen,Zu trinken Duft und Maienthau –Der Seele Sehnen auszuhauchenIn diese Lüfte süß und lau. –

Kann mehr ein Sterblicher begehren,Als so in Mailust zu vergehn? –Der herrlichen Natur zu EhrenIn Blüten wieder zu erstehn!

II.

Wohl ist es schön in MaientagenAm Herzen der Natur zu ruhn,Doch schöner ist das kühne Wagen:Der Schönheit Wunder selbst zu thun.

Wie schön es auch im Mai zu sterbenUm aufzublühn zur Frühlingszeit:Ein stolzer Geist will mehr erwerben,Will höhere Unsterblichkeit!

Drum ward ein magisch Band gewoben,Das Erd und Himmel gleich umschließt,Und als ein heilger Strahl von obenOb unserm Dasein sich ergießt.

Der Kunst geheiligt Offenbaren,Kam darum in die Menschenwelt,Daß sie zum Ewig-Schönen, Wahren,Die Augen uns geöffnet hält!

Halb unser Selbst, und halb ein WunderBegegnet uns dies Himmelskind,Die Seele geht in Wonne unterOb sie doch nur sich selbst gewinnt!

Sich selbst gewinnen und erheben,Dies ist der Kunst erhabnes Sein,In ihr allein ruht Glück und Leben,Sie ist der Gottheit Wiederschein.

Mag alles sonst auf Erden wanken,Gefangen sein in Raum und Zeit:Für ihre göttlichen GedankenErzwingt die Kunst Unsterblichkeit.

Und darum Heil den WeihestundenDer Offenbarung ihrer Macht:Der Mensch, der so den Gott gefunden,Hat die Erlösung mit vollbracht.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 253-255, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Natur und Kunst“, Fassung 638.528 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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