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Versbuch

Eine Ostererinnerung

Louise Otto-Peters · 18191895

80 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Erinn’rung ruft in meiner SeeleEin Bild herauf aus früher Zeit:Das Herz war rein und ohne Fehle,Ein Schneeglöcklein im Frühlingskleid.Wie das sich wiegt auf zartem Stengel,Von jedem leisen Hauch berührt,So bebt’ ich, da der Kindheit EngelZu dem der Jugend mich geführt.

Am Osterfest im FeierkleideKniet ich am heiligen Altar,Die Engel schwebten mir zur Seite,Der Priester bot den Kelch mir dar:„Ich will“ – er sprach mit leisem BebenDen Spruch, den er als Segen bot –„Dir einst des Lebens Krone geben,Doch sei getreu bis in den Tod.“

„Bis in den Tod!“ das Wort schlug zündendIn meine Brust wie Blitzesstrahl,Den Kampf des Lebens mir verkündendMit Feindesmächten ohne Zahl.Der goldne Kelch mit seinem Blinken,Ward zum prophetischen Symbol –,Vom Kelch des Leidens sollt’ ich trinkenNoch oft und viel – ich ahnt’ es wohl.

Ich ahnt’ es wohl mit stillem Schauer –Mir war, ich sei zum Kampf gefeit;In meine Brust kam keine Trauer,Still ward mein Herz und groß und weit;Es sehnte sich nach großen StundenVon Kampfbegeisterung entbrannt,Es bebte nicht vor tiefen WundenGeschlagen von des Schicksals Hand.

Ich eilte vom Altar der WeiheHinaus in die erwachte Flur,Die Lerche schmetterte, die freie,Rings lachte hold des Lenzes Spur;Die ersten Veilchen sah ich blühen –Ein Dornenstrauch darüber stand,Ich pflückte sie mit stillem Mühen –Und Blut entquoll der Kindeshand.

Ein neu’ Symbol! ich kniete niederUnd betete zu Gott empor:„O gieb mir Veilchen, gieb mir Lieder,Wie frei sie singt der LerchenchorVom Kelch der Leiden will ich trinken. –Er ist der Kelch des Lebens auch!Im Kampfe soll der Mut nicht sinken,Im Sturm weht der Begeistrung Hauch!“

„Ich möchte Dich um Leiden flehenStatt sanfter Ruhe, die erschlafft,Ich kann dem Schmerz ins Auge sehen,Denn nur im Kampfe wächst die Kraft“ –Der Himmel stand in Sonnenflammen,Im Westen glühte Abendroth,Ich schauerte in mir zusammen:„Laß mich getreu sein bis zum Tod.“

Ein träumend Kind von fünfzehn Jahren,Das solch Gebet mit Andacht sprach –War wohl ein Frevel solch Gebahren?Ich sinne still der Frage nach.Erhört ward des Gebetes Schauer,Es kam das Leid und Kampf und Schmerz,Es kamen Tage tiefster Trauer,Und keine Ruhe fand das Herz!

Wohl fliegen Engel auf und niederUnd standen ihm im Leide bei,Wohl fand es freie Lerchenlieder,Ward ihm zum Lied der Schmerzensschrei;Wohl blühten Veilchen ihm im Lenze,Im Sommer Rosen wonnevoll –Doch auf der Liebe schönste KränzeDes Auges Schmerzensthräne quoll.

Du hast’s erfleht, Du darfst nicht klagen,Sei stark mein Herz im neuen Streit!Kein Ruhen gilt und kein Verzagen,Du bist gestählt im Kampf und Leid.Und kannst Du nicht mehr überwindenDas Schwerste, was das Schicksal bot,Dann wird der letzte Kampf Dich finden:Du konntest „treu sein bis zum Tod!“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 244-247, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Eine Ostererinnerung“, Fassung 3.723.936 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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