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Versbuch

Ernte und Saat

Louise Otto-Peters · 18191895

45 Zeilen in 12 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Zum Frauentag 1891.

Gekommen ist die Erntezeit,Schon wird das reife Korn gehauen,Und garbenbindend steht bereitDie Schar der Schnitter und der Frauen.

Sie haben alle ihren TeilAm liederfrohen ErntefesteUnd rufen jubelnd: „Dank und Heil!Der Himmel gab dazu das Beste.“

„Der Himmel segnete das Mühn’,Das ackernd, säend uns verbundenIm Wettersturm, im Sonnenglühn –Nun haben wir den Lohn gefunden!“

Schön war das frische Saatengrün,Schön war das Feld im Aehrenwallen,Die Wiese schön im Blumenblühn –Doch nun sind Blüt und Halm gefallen. –

Der Baum, nur spärlich noch belaubt,Wirft statt der Blüten Früchte niederUnd schüttelt lächelnd noch das Haupt,Singt man für ihn auch Erntelieder.

So ist es wohl ein HochgefühlZu ernten selbst gesäte Saaten.Der Arbeit Lohn, ein Kranz am Ziel,Wenn, was man pflegte, wohlgeraten.

Auch manchen, die nicht selbst gesät,Ist Erntesegen doch gekommen;Sie haben dafür früh und spätEin heilig Erbteil übernommen.

Sie mögen nun mit voller HandDen Samen streun, den sie empfangen:Des alten Werkes SegenspfandSoll er zu neuer Frucht gelangen.

Und bleiben jetzt am StoppelfeldWehmütig unsre Blicke hangen –Bald wieder wird es neu bestelltIm Grün der Wintersaaten prangen,

Scheint einmal alles still und tot,Wächst selbst noch unterm Schnee verborgenDie junge Saat zum neuen BrotKommt doch für sie ein Ostermorgen.

Drum frisch an’s Werk und nicht verzagt!Beim Ernten denkt an’s Samenstreuen!Denn wer da müßig steht und klagtKann keiner Ernte sich erfreuen!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 318-320, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Ernte und Saat“, Fassung 638.510 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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