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Versbuch

Einem Baubruder

Louise Otto-Peters · 18191895

30 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1893

I.

An die Vigilien, die wir gehaltenVor inhaltsvollen, heil’gen FestestagenDenk’ ich entzückt wie an ein FlügelschlagenDes Genius, trotz irdischer Gewalten.

Denk’ ich mit andachtsvollem Händefalten!Denn ob dem Niederen emporgetragenVon der Begeistrung goldnem Sonnenwagen,Umringten uns nur himmlische Gestalten.

Wie einstens jene frommen Brüderschaften,Die sich dem Dienst der heil’gen Baukunst weihten,Profanem Wesen siegreich sich entrafften:

So soll auch uns ein heilig Paßwort leiten,Für des vereinten Strebens Reinheit haften,Und in den Kampf des Lebens uns begleiten.

II.

Das Paßwort, das gleich einem SonnenstrahleDen Pfad zum Ziele zeigt, lichtübergossen,Bauhütten öffnet, die uns sonst verschlossen,Dies Paßwort heißt: Getreu dem Ideale.

Vor dieser Losung sind mit einem maleVerscheucht die Thoren, die es stets verdrossen,Wenn keusche Seelen Himmelstrank genossen,Entquollen einem wunderreichen Grale.

Wir aber sind durch dieses Wort verbundenMit heilgem Band, durch keine Macht zu trennen,Seit wir uns so auf gleichem Pfad gefunden!

Und wollen kühn vor einer Welt bekennen,Daß wandellos, schlüg’ sie uns drum auch Wunden,Wir Streiter uns fürs Ideale nennen.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 256-257, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Einem Baubruder“, Fassung 3.728.245 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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