Einst und Jetzt
Louise Otto-Peters · 1819–1895
65 Zeilen in 17 Strophen · zuerst gedruckt 1893
(Der ersten deutschen Eisenbahn 1839, Leipzig-Dresden gewidmet.)
Auf grünen Wiesen sah ich Lämmer weiden –Ihr Glöckleinklang als einziges GetönWar zu vernehmen im Vorüberschreiten –Sonst Alles still – so friedlich und so schön.
Bei einer Linde weilte traut beisammenEin jugendfrohes, hochbeglücktes Paar.Er ließ sein Auge in das ihre flammen,Sie bot ihm schüchtern ihre Wange dar.
Dicht gegenüber wo aus grünen BäumenGar traulich winkt ein strohgedecktes Dach,Da mochten sie den eignen Heerd sich träumen,Wo sich ihr Wunsch der Zukunft Glück versprach.
Des Dorfes Kinder spielten muntre SpieleAls Pferde spannten sie dem Pflug sich vor,Ein Knabe lenkte zum bestimmten ZieleMit Peitschenknall den muntern Brüderchor. –
Das war vor Zeiten – als ich wiederkommenZu diesem stillen, waldumkränzten Thal –Hei! wie da aller Friede ist genommen,Hei! wie das Alles anders auf einmal!
Die neue Macht, die sich die Welt erküretSie hat auch hier jed alten Brauch verdrängt:Seht wie ein Pfad jetzt durch die Berge führetEin Wagen an dem andern rollend hängt.
Statt Herdenglöcklein läutende Signale –Es rauscht und zischt und saust mit UngestümUnd rüttelt alle Träumer auf im ThaleDas mächtge feuerspeiende Ungetüm. –
Wird lang das Paar noch bei der Linde bleiben?Die Maid steht bleich vor naher Trennungsqual –„Mich will’s hinaus ins rasche Leben treiben!“Ruft er, „leb wohl! schon pfiffs zum drittenmal!“
Sie schaut ihm nach mit sehnsuchtsvollen Blicken,Wohl ahnt sie draußen die bewegte Welt! –Wird nicht ihr Glanz des Liebsten Herz umstricken?Ist dies kein Riff an dem ihr Glück zerschellt?“
Wo sind die Knaben, die sich hier erfreuten?Das alte Pflugspiel ist zu schlecht und kleinEin bessres Loos denkt Jeder zu erbeutenAls das nur ein gepeitschtes Pferd zu sein. –
Dahin, dahin der einsam stille Frieden,Dahin, dahin ein jed idyllisch Glück!Denn alle Ruh ist aus der Welt geschieden –O Dampf, fürwahr, das ist Dein Meisterstück!
Ja, Frieden stirb! – Du stiller Kirchhoffrieden,Du hast fürwahr zu lange schon gewährt,Ein ander Glück giebt’s noch für uns hinieden,Ein andrer Glanz hat unsre Zeit verklärt!
Seht dort den Greis in dünnen Silberhaaren,Indeß die Wagen fliegen hört sein Flehn:„Nun, Herr, laß Deinen Knecht in Frieden fahren!Nun er die Wunder dieses Tags gesehn!“
Er ahnt es wohl, doch wußt er’s nicht zu sagenAls ihn Bewunderung auf’s Knie gesenkt:Es weht ein neuer Geist um diese Wagen,Aus diesem Dampf der Eisenrosse lenkt.
Rings lärmt er auf zum rüstigen BewegenUnd dieses Läuten ruft: Habt acht! habt acht!Mit jeder Schiene, die sie weiter legenWird neues Leben in die Welt gebracht.
Und eh sie noch die Gotteskraft verstehenSind sich die Völker jubelnd nah gebrachtUnd lassen ihre Freiheitsbanner wehen,Und durch die Lüfte saust’s: Erwacht! erwacht!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 14-16, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Einst und Jetzt“, Fassung 634.941 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.