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Versbuch

Bergbau

Louise Otto-Peters · 18191895

56 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Ob Nord ob Süd, ob Schnee ob Sommersgluten,Das kümmert nie ein echtes Bergmannskind,Aus ihren Adern muß die Erde blutenWo es am reichsten drinnen wallt und rinnt.Der Fäustel klingt – der Andern Ohr verborgenDie droben wohnen in des Himmels Blau.Es fällt ein Schuß – der Tiefe Geister horchenUnd rings ertönt der unterwühlte Bau.

So ist es hier, so ist es allerorten!Dem Erz ist schon im Mutterleib die KraftDen, der ihm naht, Gefahr zu bringen worden,Nur Fleiß und Kampf befreit es seiner Haft.Und Fleiß und Kampf ist sein Geschick hienieden,So dient es Jedem, der sich’s unterwarf,Mag draus die Pflugschar, mag das Schwert man schmieden.Den Schienenweg der Länder einen darf.

Dir, Eisen, möcht ein stolzes Lied ich singenDu kannst ein Engel für die Menschheit sein,Auf Deinen Wegen ihr Erlösung bringenMit Deinen Schwertern kämpfend sie befrein,Als Pflugschar wühlen in dem Schoß der Erde,Bis er sich segenbringend rings erschließtUnd grün und wachsend durch ein neues WerdeNährendes Korn für Alle ihm entsprießt.

Du aber, Silber mit dem bleichen Schimmer,Und Du, sein stolzer Bruder, lockend Gold,Ihr beide brachtet solchen Segen nimmer,Die Freiheit nicht, Knechtschaft habt Ihr gewollt.Und wenn als Engel Ihr der Welt erschienen,So hat die Welt zu Teufeln Euch gemacht,Dem Satan nur und seinen Ruhm zu dienenSteigt Ihr zum Licht empor aus Eurer Nacht.

Steigt Ihr empor – und auf den bleichen WangenDes armen Bergmanns glüht ein plötzlich Rot,An Eurem Glanze feine Blicke hangen,Bei Eurem Glanze denkt er seiner Not!Ist es doch all sein Sorgen und sein MühenEuch aus dem finstern Kerker zu befrein,Ihr aber wollt nicht dankbar für ihn glühenUnd glänzt ihm nur zu höhnen seine Pein.

Er hat kein Silber und kein Gold im Hause,Nur Thränen, nur der Kinder Hungerschrei,Die harren sein in seiner engen Klause,Ein bleiches Weib, in Not und Elend treu.Und müde sinkt er auf sein Lager niederUnd stöhnt und hat ein böses Traumgesicht:Als höb das Eisen trotz’ge RiesengliederUnd hielt ob Gold und Silber Strafgericht.

Er springt empor, hebt stolz die starken ArmeDa fährt sein Weib empor wie niemals je,Und flüstert tonlos matt vom großen Harme:„Mir ist’s als ob ich’s plötzlich tagen seh?“Da ist ihm bei dem Wort der Traum entschwunden,Er ist erwacht und spricht: „Schnell ist der LaufDer kurz uns zu gemeßnen Ruhestunden –Das Glöckchen ruft mich fort! – leb wohl“ – „Glück auf.“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 117-119, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Bergbau (Louise Otto)“, Fassung 634.920 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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