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Versbuch

Das Kätchen von Heilbronn

Louise Otto-Peters · 18191895

40 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Ihr kennt wohl die alte MäreUnd kennt wohl das schöne GedichtUnd wißt was vom Kätchen von Heilbronn,Man immer noch kundet und spricht?

Wie einst sie gelaufen dem Ritter,Dem Wetter von Strahl lange nach,Bis Lieb seinen Stolz überwunden,Er plötzlich zu Füßen ihr lag!

Und habt Ihr das Mädchen gescholten,Das der inneren Stimme vertrautHabt ihr sie doch gern als PrinzessinAm Ziel ihrer Sehnsucht geschaut.

Ich mache die Mär mir zu NutzeErneu sie in jetziger Zeit;Auch ich folge treu einem RitterAus meiner Verborgenheit.

Er sitzet gar stattlich zu Rosse,Hoch flattert der Helmbusch ihm nach,Es blitzet die mächtige Klinge,Der mancher Gewaltge erlag.

Mich treibt eine innere Ahnung,Durchzittert ein stürmischer DrangIhm immer und ewig zu folgen –Doch oftmals wie wird mir so bang!

Wenn alle die Knappen und RitterIch sehe zur Seite ihm ziehn,Geschmücket auf mutigen Rossen,Im Glanze die Waffen erglühn: –

Und seh nun mich Arme danebenVon Rittern wohl nimmer bemerkt,Von Knappen gehöhnt und gescholten –Dann hab ich umsonst mich gestärkt! –

Der Ruhm ist der herrliche Ritter,Der Ruhm ist Graf Wetter von Strahl!Dem werd ich zu folgen getriebenAus Ahnung und Drang – nicht aus Wahl!

Doch bleib ich die niedrige Käthe,Zu klar nur erkennt das mein Sinn,Wenn ich nicht die Tochter des Kaisers,Des Schöpfers des Genius bin!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 33–34, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Das Kätchen von Heilbronn“, Fassung 2.912.776 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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