Blumengeister
Louise Otto-Peters · 1819–1895
36 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Nun ist im Sturm mit Schnee und EisDer Winter angekommen,Hat auf tyrannisches GeheißDie Blüten all genommen.
Sie sind dahin mit einem malUnd hängen welk hernieder,Es weckt kein milder SonnenstrahlDie Frostgetroffnen wieder.
Ihr Glanz, ihr Duft, ihr Leben schwandUnd öd’ sind Flur und Garten,Zur weißen Wüste ward das Land,Die Flüsse selbst erstarrten.
So sinken in die kalte GruftDie letzten Blumenleichen,Und harren bis der Lenz sie ruftAus ihrem Grab zu steigen.
Doch kann der Blumengeister ScharWohl nächtlich um noch gehen –In kalter Mondnacht, hell und klarSind sie gar oft zu sehen.
Sie kommen aus dem Grab hervorWie neckende Gespenster,Und blühen – ein krystall’ner Flor –An dem gefrornen Fenster.
Und rufen die Erinnrung wachAn alle Sommerstunden,Wo Menschenhand die Blümlein brachUnd sie zum Kranz gewunden –
Wo Menschenfuß sie gar zertrat,Nicht achtend auf ihr Flehen –Es läßt zu rächen solche That,Die Geisterschar sich sehen.
Und mahnt mit glänzend heller Schrift:„Dein eignes Thun bewache,Damit dich nicht im Winter trifftDer Blumengeister Rache!“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 228-229, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Blumengeister“, Fassung 638.489 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.