Christbescherung
Louise Otto-Peters · 1819–1895
40 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Der Christnacht heilig’ Offenbaren,Das einst an alles Volk erging,Die Kunde, die durch EngelscharenZuerst das arme Volk empfing:
„Die Liebe ist zur Welt gekommen,Um einen neuen Bund zu weihn,Ein reines Licht ist hell entglommenEin Stern mit wunderreichem Schein!“ –
Die Kunde klingt aufs neue wiederZu uns in jeder WeihnachtszeitSie tönt durch alle FestesliederIn jedem Gruß von nah und weit.
„Die Liebe soll die Welt regieren!“Das ist die Losung allerwärts,Die Lichter, die den Christbaum zierenWie strahlen sie in jedes Herz;
Und all die Gaben, lichtumschwommen,Für jung und alt, für groß und klein:Vom Himmel scheinen sie gekommenIn einer Wundernacht zu sein! –
Doch all das Wunder zu vollenden,Viel Sorgen gab es Tag und Nacht.Viel Mühen von geschäft’gen Händen,Viel Opfer freudig dargebracht.
Die Liebe soll die Welt regieren,Und Weihnacht zeigt, daß sie’s vermag,Doch höhres Ziel muß sie sich küren,Als schaffen nur für einen Tag,
Der eine Tag soll allen lehren;Solch Mühn und Opfern wohl uns ziert,Die wir das Wort der Weihnacht ehren:Daß Liebe nur die Welt regiert –
Auch Völkerwünsche sich erfüllenNicht durch das Wunder einer Nacht,Drum mühe jeder sich im stillenBis einst das Liebeswerk vollbracht;
Bis daß im ganzen VaterlandeDer Freiheit Christbaum leuchtend glüht –Solch Wunder kommt gewiß zu StandeWenn alles Volk darum sich müht.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 239-240, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Christbescherung“, Fassung 638.492 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.
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