Sexuelle Aufklärung
Kurt Tucholsky · 1890–1935
24 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1919
Tritt ein, mein Sohn, in dieses Varieté!Die heiligen Hallen füllt ein lieblich Odiumvon Rauchtabak, Parfums und Eßbüfett.Die blonde Emmy tänzelt auf das Podium,der erste und der einzige Geiger schmiert „Kollodium“auf seine Fiedel für das hohe C …So blieb es, und so ists seit dreißig Jahren –drum ist dein alter Vater mit dir hergefahren.
Sieh jenes Mädchen! Erster Jugendblüteleichtrosa Schimmer ziert das reizende Gesicht.So war sie schon, als ich mich noch um sie bemühte,und wahrlich: ich blamiert mich nicht!Siehst du sie jetzt, wie sie voll Scham erglühte?Was flüstert sie? „Det die de Motten kriecht …!“Wie klingt mir dieser Wahlspruch doch vertrautaus jener Zeit, da ich den Referendar gebaut!
Sei mir gegrüßt, du meine Tugendlilie,du altes Flitterkleid, du Tamburin!Nimm du sie hin, mein Sohn – es bleibt in der Familie –und lern bei ihr: es gibt nur ein Berlin!Nun aber spitz die Ohren, denn gleich singt Ottilieihr Lieblingslied vom kleinen Zeppeliihn …Kriegst du sie nicht, soll dich der Teufel holen!Verhalt dich brav – und damit Gott befohlen!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Fromme Gesänge, S. 86, Felix Lehmann, Charlottenburg, 1919
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Sexuelle Aufklärung“, Fassung 3.790.830 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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