Kutscherlümmel
Paul Haller · 1882–1920
60 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1922
In der großen Stadt ParisMüde gähnt ein KutscherlümmelNach dem kalten Sternenhimmel.Keiner pfeift ihm, keiner winkt ihm,Und das Haupt voll Schlummer sinkt ihmIn des Mantels warmes Vließ.
Aus der Kneipe trübem TorGröhlt ein Lärm von trunk’nem Jassen,Schwankt ein Weib durch stille Gassen.Aus dem ungezähmten MundeBricht ein Fluchen in die RundeWie ein wüster Strom hervor:
„Schlag’s doch! schlag das Würmlein tot!Denk, es sei ein böser Kater!Teufel! Hund von einem Vater!Hast auch mich auf’s Blut geschlagen,Kannst es selbst ins Wasser tragen,Gabst ihm nie kein Stücklein Brot!
O mein gutes, o mein Kind!Wie du lachen kannst, die rundenÄrmchen mir ums Haupt gewunden!Ei doch, laß das dumme Lachen!Vater will dich schlafen machenDrüben, wo die Seine rinnt.
Ich betrunken? Säufer! bleib,Daß ich dir die Flasche .... hörst du,Daß ich nüchtern bin, das schwörst du!Nimm das Kind, es lacht so häßlich!“Also fluchend taumelt gräßlichDurch die Straßen hin das Weib.
Vor dem Kutscher, haltlos, schwerSchlagen die gelösten GliederIn den Schlamm der Gosse nieder.Aufgescheucht aus lindem SchlummerLacht er ohne Menschheitskummer!„Ei, wo fiel das Untier her?“
Springt vom Bock zur raschen Tat,Hebt sie in den dunklen Wagen;Und, von Polstern weich getragen,Rollt sie wie die reichen Leute,Schlummerglücklich wie die Bräute,Durch die menschenscheue Stadt!
Durch die Stadt, wo einst im BlutWeiber um Schaffotte sprangen,Lustigwild Ça ira! sangen,Fährt die trunk’ne Mutter, fröhlichEingewiegt und murmelt selig:„O wie sind die Menschen gut!“
Tappt sich aus dem WagentorAuf die dunkeln Dachraumstiegen;Find’t ihr Kind im Bettlein liegen,Lächelnd, plaudernd, wie die KleinenNächtlich tun. Da springt ein WeinenIhr aus wundem Herz empor.
Wendet, der sie heimwärts wies,Seine müden Räderpaare.Kutscherlümmel, Großstadtware!Keiner pfeift ihm, keiner winkt ihm,Und das Haupt voll Schlummer sinkt ihmIn der großen Stadt Paris.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 61-62, H. R. Sauerländer & Co., Aarau, 1922
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Kutscherlümmel“, Fassung 876.811 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Paul Haller starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 119041952 der Deutschen Nationalbibliothek.
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