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Versbuch

Silvester

Kurt Tucholsky · 18901935

32 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1919

Im niedern Zimmerzieht sich der Pfeifenrauch in dicken, blauen Schwaden.Der Nachtsturm rüttelt an den Fensterladen;die brave Lampe leuchtet mir wie immer.

Wie stets glüht mir der rote Weinim festen Glase mit dem Kaiserbilde;ein stiller Wein – er mundet mir so milde –ich träum ins Glas – was spiegelt sich darein?

Vier lange Jahre.Es hieß sich immer wieder, wieder duckenund schweigen und herunterschlucken.Der Mensch war Material und Heeresware.

Das ist vorbei.Was ist uns nun geblieben?Wo ist das Deutschland, das wir ewig lieben?Wofür die Plackerei?

Für nichts.Ich tue einen Zug – die Pfeife knastert –Was hat man uns gebetet und gepastert –Tag des Gerichts!

Und wißt ihr, wer uns also traf?Der Koksbaron und der Monokelträger,das Bürgerlamm und der Karrierejäger –Ihr lagt im Schlaf.

So wacht heut auf!Wir trugen unser Kreuz und jene ihre Orden –wir sind gestoßen und getreten worden:Muschkot, versauf!

Vergeßt ihr das?Denkt stets daran, wie jene Alten sungen!Ich aber komm euch in Erinnerungenein volles Glas –!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Fromme Gesänge, S. 75-76, Felix Lehmann, Charlottenburg, 1919
Digitalisat
de.wikisource.org — „Silvester (Tucholsky)“, Fassung 3.778.989 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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