Trunkenes Lied
Kurt Tucholsky · 1890–1935
29 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 15. Oktober 1929
Trunkenes Lied von Theobald Tiger
Der Igel sprach zum Oberkellner:„Bedienen Sie mich ein bißchen schnellner!Suppe – Gemüse – Rostbeaf – und Wein!Ich muß in den Deutschen Reichs-Igel-Verein!“
Da sprach der Oberkellner zum Igel:„Ich hab so ein komisches Gefiegel –ich bediene sonst gerne, prompt und coulant,aber ich muß in den Oberkellner-Verband!“
Der Igel saß stumm, ohne zu acheln,und sträubte träumerisch seine Stacheln –Messer und Gabel rollten über die Decke.Sie rollten zum Reichsverband Deutscher Bestecke.
Des wunderte der Igel sich.Er ging in „Für Herren“ züchtiglich;doch der Alte, der dort reine macht,war auf der Deutschen Klosettmänner-Nacht.
Ein Rauschen ging durch des Igels Stoppeln –er tät bedrippt nach Hause hoppelnund sprach unterwegs(und aß einen Keks):„Ich wohne gern. Aber seit ich in Deutschland wohne,ist mein igeliges Leben gar nicht ohne.Sie sind stolz, weil sie sich in Gruppen mühn –doch sie sind nur gestörte Individühn,Menschen? Mitglieder sind diese Leute.Unsern täglichen Verband gib uns heute!Amen.“(sagte der Igel).
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die Weltbühne. Jahrgang 25, Nummer 42, Seite 602., Verlag der Weltbühne, Berlin, 15. Oktober 1929
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Trunkenes Lied“, Fassung 1.228.535 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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