Selbstbesinnung
Kurt Tucholsky · 1890–1935
28 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1919
Fort mit der sonst so aktuellen Harfe!Heut pfeif ich mir nach eigenem Bedarfeauf meiner Flöte einen in Cis-Mollvon dem, was ist; von dem, was werden soll.
Von dem, was ist … Kaum kann uns etwas schrecken.Mars schlägt mit Wucht auf sein verzinktes Becken –laß bluten, was da bluten mag –und er regiert die Stunde und den Tag.
Und er regiert die Stunde und das Jahr –bedenk, wer damals noch am Leben war!Und leise spielt – wie waren wir doch jung! –der Leierkasten der Erinnerung.
Wie kannst du dich in all dem wiederfinden?Du magst dich mühsam durch Systeme winden,durch Pflichten, die es geben muß und gibt –Du siehst dahinter und wirst unbeliebt.
Laß dich von keinem Schlagwort kirren!Von keinem Vollbart dich beirren!Es schenkt dir niemand was dazu –bleib, was du warst; bleib immer: Du!
Geheimrat Goethe sang nicht mindervom höchsten Glück der Erdenkinder –er war Ministerpräsidentund also sicher kompetent.
Man kehrt nach aller Schicksalstückedoch immer auf sich selbst zurücke.Drum wünsch ich dir nach dem Gebrausdein altes, starkes, eignes Haus!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Fromme Gesänge, S. 18, Felix Lehmann, Charlottenburg, 1919
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Selbstbesinnung“, Fassung 3.780.091 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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