Sehnsucht nach der Sehnsucht
Kurt Tucholsky · 1890–1935
32 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1919
Erst wollte ich mich dir in Keuschheit nahn.Die Kette schmolz.Ich bin doch schließlich, schließlich auch ein Mann,Und nicht von Holz.
Der Mai ist da. Der Vogel Pirol pfeift.Es geht was um.Und wer sich dies und wer sich das verkneift,der ist schön dumm.
Denn mit der Seelenfreundschaft – liebste Frau,hier dies Gedichtzeigt mir und Ihnen treffend und genau:es geht ja nicht.
Es geht nicht, wenn die linde Luft weht unddie Amsel singt –wir brauchen alle einen roten Mund,der uns beschwingt.
Wir brauchen alle etwas, das das Blutrasch vorwärtstreibt –es dichtet sich doch noch einmal so gut,wenn man beweibt.
Doch heller noch tönt meiner Leier Klang,wenn du versagst,was ich entbehrte öde Jahre lang –wenn du nicht magst.
So süß ist keine Liebesmelodie,so frisch kein Bad,so freundlich keine kleine Brust wie die,die man nicht hat.
Die Wirklichkeit hat es noch nie gekonnt,weil sie nichts hält.Und strahlend überschleiert mir dein Blonddie ganze Welt.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Fromme Gesänge, S. 102–103, Felix Lehmann, Charlottenburg, 1919
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Sehnsucht nach der Sehnsucht“, Fassung 3.779.719 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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