Im Spiegel
Alfred Henschke · 1890–1928
22 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1927
Ich sehe in den Spiegel.Was für ein unverschämter Blick mustert mich?Jetzt zieht er sich schon in sich selbst zurück –Pardon: ich habe mich fixiert.Ich will mir nicht zu nahe treten.
Meine Freunde kann ich mir an den Fingern einer Hand abzählen.Für meine Feinde brauche ich schon eine Rechenmaschine.Was bedeuten diese tiefen Furchen auf meiner Stirn?Ich werde Kresse und Vergißmeinnicht drein säen.
Im Berliner botanischen Garten, sah ich einen Negerschädel,aus dem eine Orchidee sproß.So vornehm wollen wir’s gar nicht machen.Bei uns genügt auch ein schlichtes deutsches Feldgewächs.
Wir wollen durch die Blume zu den Ueberlebenden sprechen,wie wir so oft zu den nunmehr verwesten sprachen.Also, meine liebe Leibfüchsin:du kommst mir deine Blume – Prost! Blume!
Ich stehe nicht mehr ganz fest auf den Füßen.Der Spiegel zittert.Seine Oberfläche kräuselt sich, weil ich lache.Da ist der Mond – er tritt aus dem Spiegel in feuriger Rüstungund legt seine weiße kühle Hand auf meine fieberheiße Stirn.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die Harfenjule S. 60-61, 1. Auflage, Die Schmiede, Berlin, 1927
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Im Spiegel“, Fassung 1.166.914 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Alfred Henschke starb 1928; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1998 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 1182379923 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.