Philosophie
Kurt Tucholsky · 1890–1935
41 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 5. Dezember 1919
Von Theobald Tiger
Der Weise liest in einem Buch.Und denkt: Dies ist ein Erdenfluch,daß wir zwar mit dem Kopf im Blauenden Zimt da unten überschauen;jedoch die Beine haften klammhienieden auf dem Asphaltdamm.So las ich jüngst in einem Blatte,das meine Frau aus Pommern hatte:„Der Mensch lebt nicht von Kunst allein –es muß auch mal ein Foxtrott sein!“
Welch weises Wort! Der Mann, beseligt,weil er das niedre Volk befehligt,nimmt hier und da gelegentlichein Bad im Moor. Drin aalt er sich.Es klebt die Konnexion wie Harz(es reimt sich hierauf Brüder Sklarz).Der reinste Mann, am stillen Ort,befolgt er jenes weise Wort:„Der Mensch lebt nicht von Kunst allein –es muß auch mal ein Foxtrott sein!“
Und die Theater? Lieben Leute,wie kommts, daß sich der Thespis scheute,daß er am ganzen Leibe zittert,wenn er die Kunst von fern nur wittert?Er kennt die Kunst – doch auch die Masseund denkt an die Theaterkasse.Und fern von Goethe winkt zum Glückdas Operettenserienstück …„Der Mensch lebt nicht von Kunst allein –es muß auch mal ein Foxtrott sein!“
So wars im Frieden, wars im Krieg.Und auch mit jener Politik –Wer hat uns in den Sumpf gerudert?Die Clowns sind mehlweiß überpudert:Mal ein Genral, mal ein Professer,und das kommt alle Tage besser.Für die Erheiterung sorgt doch schonder Tanz der lieben Reaktion …„Der Mensch lebt nicht von Kunst allein –es muß auch mal ein Foxtrott sein!“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Ulk Jahrgang 48. Nummer 49. Seite 182, Rudolf Mosse, Berlin, 5. Dezember 1919
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Philosophie (Tucholsky)“, Fassung 1.196.877 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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