Ruhe und Ordnung
Kurt Tucholsky · 1890–1935
27 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1929
Wenn Millionen arbeiten, ohne zu leben,wenn Mütter den Kindern nur Milchwasser geben –das ist Ordnung.Wenn Werkleute rufen: „Laßt uns ans Licht!Wer Arbeit stiehlt, der muß vors Gericht!“Das ist Unordnung.
Wenn Tuberkulöse zur Drehbank rennen,wenn dreizehn in einer Stube pennen –das ist Ordnung.Wenn einer ausbricht mit Gebrüll,weil er sein Alter sichern will –das ist Unordnung.
Wenn reiche Erben im Schweizer Schneejubeln – und sommers am Comer-See –dann herrscht Ruhe.Wenn Gefahr besteht, das sich Dinge wandeln,wenn verboten wird, mit dem Boden zu handeln –dann herrscht Unordnung.
Die Hauptsache ist: Nicht auf Hungernde hören.Die Hauptsache ist: Nicht das Straßenbild stören.Nur nicht schrein.Mit der Zeit wird das schon.Alles bringt euch die Evolution.So hats euer Volksvertreter entdeckt.Seid ihr bis dahin alle verreckt?So wird man auf euern Gräbern doch lesen:sie sind immer ruhig und ordentlich gewesen.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Das Lächeln der Mona Lisa, S. 372, Rowohlt, Berlin, 1929
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Ruhe und Ordnung“, Fassung 1.173.973 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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